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Erstellt von Julian am 11. Dezember 2017, um 09:53 Uhr

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Bedeutung Nebel
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Wanderer über dem Nebelmeer
Wenn am Herbstmorgen in Tirol schlechte Sicht herrscht oder im Winter ganze Talkessel und

-schaften unter zähem Dunst verschwinden, nennen die Tiroler dies in erster Linie Nebel. Diese Bezeichnung wird allerdings regional unterschiedlich ausgesprochen und konkurriert im Oberland noch dazu mit dem dort dominanten Begriff Prente. Auch Rauch und Rain sind Bezeichnungen für dieses Wetterphänomen, die lokal auftreten. Einzelnennungen weiterer Begriffe lassen ein durchaus differenziertes Gesamtbild entstehen.

Die Nebelschwaden lichten sich

Dass sie das tun, hofft wohl jeder Tiroler, der sich schon einmal im dichten Nebel verirrt hat. Die Bezeichnung Nebel wird in ganz Tirol gebraucht und auch verstanden. Das standarddeutsche Wort wird jedoch regional sehr unterschiedlich ausgesprochen. Auffällig sind dabei zwei Besonderheiten. Zunächst lassen sich diphthongische von monophthongischen Formen unterscheiden, also Neibel und Nebel. Hier eine genaue geographische Trennung vorzunehmen, ist mitunter nicht einfach. Dennoch fällt ein gehäuftes Auftreten der diphthongischen Formen Neibel vor allem im Oberinntal und dessen Seitentälern – mit Ausnahme des Ötztals –, im Tiroler Mittelland – wobei das Wipptal und dessen Seitentäler ein Mischgebiet darstellen – sowie in Osttirol auf. In den anderen Gebieten herrscht die monophthongische Variante Nebel vor, wobei hier ebenfalls viele Mischgebiete, wo die beiden Formen konkurrieren, auszumachen sind. Einen weiteren Unterschied zeigen viele Einzelbelege – unabhängig davon ob monophthongische oder diphthongische Form vorliegt – in einem Wechsel zwischen b und w, also Nebel und Newel bzw. auch b und p – also Nebel und Nepel. Da diese beiden Konsonanten lautlich nah beieinander liegen und ein Unterschied dementsprechend schwer herauszuhören ist, braucht dies kaum zu verwundern. Formen mit l-Vokalisation – z.B. Newi – treten erwartungsgemäß vor allem im Unterland auf. All diese Aussprachevarianten lassen sich letztlich auf althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. nëbul, mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. nëbel zurückführen. Die ursprüngliche Bedeutung war dabei ebenfalls ‚Nebel‘, aber auch ‚Nacht‘ und ‚Dunkelheit‘.[1]===Wenn der Prente tief im Tal hängt…=== Ein im ganzen Oberland westlich von Telfs sowie im Außerfern vorkommender Begriff für Nebel ist Prente. Vor allem im Stanzertal, im Paznaun sowie um Landeck hört man zudem die Variante Printe Der Ausdruck Prente ist dabei offensichtlich ganz typisch für das westliche Nordtirol, liegt doch für das gesamte Unterland sowie Osttirol keine einzige Nennung vor. Lediglich in Südtirol soll der Begriff – zumindest lokal und vereinzelt – ebenfalls bekannt sein. Die etymologische Herleitung dieses Ausdrucks gestaltet sich einigermaßen schwierig. Dialektal gibt es in Tirol auch den gleichklingenden Ausdruck Prente, der allerdings ein Gefäß, einen Bottich oder einen Milchkübel bezeichnet. Dieses Prente ist wohl ein altes AlpenwortBezeichnung für ein Wort, das spezifisch für die Alpengegend ist, nur dort vorkommt und dessen Herkunft meistens nicht klar bestimmbar ist, da sie in voreinzelsprachliche (siehe ''voreinzelsprachlich'') Zeit zurückreicht. Beispiele für solche Wörter bzw. Namen wären ''Tauern'' oder ''Gande''., das durch romanische Vermittlung in den Tiroler Dialekt kam. Die Bedeutung im Romanischen war dabei zunächst ‚Tragkorb für Trauben‘. Die Bedeutungsentwicklung von Korb zu Fass dürfte dabei schon im Romanischen geschehen sein und zunächst wohl das Weinfass bezeichnet haben. Wie es damit zur heutigen Bedeutung ‚Milchkübel‘ kam, ist recht gut nachvollziehbar. Was das Ganze mit ‚Nebel‘ zu tun haben soll, allerdings nicht. Eine Möglichkeit wäre also, davon auszugehen, dass Prente ‚Nebel‘ und Prente ‚Milchkübel‘ heute zwar gleich ausgesprochen werden und nicht mehr zu unterscheiden sind, allerdings eine andere Herkunft haben. Im Italienischen gibt es etwa das Zeitwort brinare ‚frösteln, mit Frost bedecken‘, von dem das PartizipAuch bekannt als Mittelwort. Diese Form wird vom Verb abgeleitet und kann ähnlich wie Eigenschaftswörter (z.B. der ''sprechende'' Mann, das ''gespielte'' Stück) und Umstandswörter (z.B. ''hoffend'' fragte er, ''geläutert'' wandte er sich ab) eingesetzt werden. Partizip I: Mittelwort der Gegenwart - z. B. ''lachend'', ''singend''; Partizip II: Mittelwort der Vergangenheit - z.B. ''gekocht'', ''gegessen'' (wird auch zur Bildung der Vergangenheit z.B. ''hat gegessen'' verwendet) brinata ‚das Frostbedeckte, Reif‘ gebildet werden kann. Wird nun noch bedacht, dass Prente stets den ‚kalten Talnebel‘ bzw. zum Teil auch ‚gefrierenden Nebel‘ bezeichnet, schiene eine solche Entlehnung und die entsprechende Bedeutungsveränderung hin zu ‚Nebel’ naheliegend.[2]===Osttirol hat (keinen) Reim mit dem Rain=== Nur in Osttirol – und dort ausschließlich in dessen Süden – wird für ‚Nebel‘ die Bezeichnung Rain genannt. Die Bezeichnung reicht dabei auch nach Südtirol weiter und dürfte sich im Südtiroler Pustertal fortsetzen. Der Rain hat dabei nichts mit dem ‚(Ab)Hang‘ zu tun. Dieser wird im Dialekt als Roa(n) gesprochen und weist dadurch auf eine verschiedenartige Herkunft hin. Als Herleitung bietet sich mittelhochdeutsch rîm in der Bedeutung ‚Reif‘ an. Dialektal gibt es die Bezeichnung Pfraim für den ‚Rauhreif‘, die wohl auf mittelhochdeutsch berîmeln im Sinne von ‚mit Reif überzogen werden‘ zurückgeht. Das m am Wortende wurde zu n abgeschwächt, das lange î im Zuge der neuhochdeutschen Diphthongierungauch ''neuhochdeutsche Diphthongierung''. Lautveränderung, die ab dem 12. Jahrhundert auftrat. Dabei wurden die langen Vokale ''i'', ''ü'' und ''u'' zu den Zwielauten ''ei'', ''eu'' und ''au''. Dieser Wandel trat in den alemannischen Dialekten (also vor allem in Vorarlberg, der Schweiz und Baden-Württemberg) nicht ein. Hier heißt z.B. ''mein Haus'' noch heute ''min Hus''. zu ei.[3]

Wenn Rauch die Sicht erschwert

In mehreren Gegenden Tirols – so etwa im Zillertal, den Seitentälern des Wipptals, im Oberinntal zwischen Innsbruck und Imst und in Vent im Ötztal– kommt die Bezeichnung Rauch für ‚Nebel‘ in verschiedenen Aussprachevarianten vor. So sagt man neben Raach auch Rouch und Rööch. All diese Formen gehen letztlich auf althochdeutsch rouh, mittelhochdeutsch rouch zurück. Dabei handelt es sich um eine Ableitung zu riechen, wobei eine Bedeutungsveränderung eingetreten ist. Diese Veränderung trat jedoch nicht beim Rauch, sondern vielmehr beim Zeitwort riechen ein, dessen Ursprungsbedeutung ‚rauchen‘ war. Dabei ist eine Bedeutungsverschiebung von ‚rauchen‘ zu ‚riechen‘ durchaus nachvollziehbar. Der Zusammenhang wurde wohl in oft stinkenden Dämpfen gesehen, also im Rauch, der riecht.[4]===Wenn es schäumt=== Im Paznaun, im Stanzertal sowie in Teilen des Oberen Gerichts heißt der Nebel Feim bzw. in dialektaler Aussprache Foam bzw. als Kollektivum Gfaam. Diese Form geht auf mittelhochdeutsch veim zurück und bedeutete ursprünglich ‚Schaum‘, vgl. auch foam im Englischen. Auch in diesem Fall scheint die eingetretene Bedeutungsveränderung durchaus nachvollziehbar.

In Einzelnennungen kommen schließlich noch Gehilwe – dialektal als Kchilwe – und Geheiwe – dialektal als Kchåi – vor. Da beide in der Karte zu Dunst bei Schönwetter häufig vorkommen, soll ihre Erklärung hier ausgespart bleiben.[5]
  1. KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 647 |Schaufenster=Nein |LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd_ 2, Sp_ 44
  2. ScheutzScheutz, Hannes (Hrsg.) (2016): Insre Sproch. Deutsche Dialekte in Südtirol. Bozen: Athesia., S. 234 |Meyer-LübkeMeyer-Lübke, Wilhelm (1911): Romanisch-Etymologisches Wörterbuch. Heidelberg: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung., S_ 93
  3. Lexer, Bd. 1, Sp. 193 und Bd. 2, Sp. 437
  4. Kluge, S. 746 |DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd_ 14, Sp_ 235
  5. Kluge, S. 283–284
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