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Erstellt von Julia am 6. Dezember 2017, um 15:08 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

Version vom 11. Juni 2018, 11:39 Uhr von Julia (Diskussion | Beiträge)

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Bedeutung Brotanschnitt
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Der erste/letzte Biss
Nichts geht über den Geruch von frisch gebackenem Brot! Da kommt man einfach nicht umhin, sich ein Stück davon abzuschneiden und die knusprige Kruste und das weiche Brotinnere in vollen Zügen zu genießen. Dabei ist die Beliebtheit des Anschnitts oder seines Pendants, des letzten Stücks, umstritten. Ungeachtet dessen, ob man es – das erste oder letzte Stück des Brotes – nun mag oder nicht, geizt man mit den Bezeichnungen dafür in Tirol keineswegs. Hier heißt es nämlich auch Rä(n)ftel/Ranfte, Gipfel(e), Rand(erl), Scherz(el), Ranggerl/Rungge oder aber auch Anschnitt.

Mit einem Happs verschlungen

Das erste und letzte Stück des Brotes wird in den Bezirken Reutte, Landeck und Imst und im Inntal bis kurz vor Innsbruck, nämlich in Zirl wie auch in Osttirol das Räftel, das Ränftel oder die Ranfte genannt. All diese Varianten gehen auf mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. ranft, ramft bzw. *Sternchen (Asterisk); bezeichnet eine Form, die sprachgeschichtlich nicht schriftlich belegt, sondern nur erschlossen istranfte mit der Bedeutung ‚Einfassung, Rand‘ zurück. Dahinter steht aber wohl im Sinne einer älteren Bedeutung der Vorgang des Schrumpfens, Einziehens und Runzelns. Betroffen von einem solchen Vorgang zeigt sich vor allem das Äußere von Gegenständen, was dazu führte, dass dem Ranft oft der Rand gleichgesetzt wurde. Sprachlich spiegelt sich die Größe des bezeichneten Brotstückes in Ränftel und Räftel wider, indem es sich bei beiden Wörtern um Verkleinerungsformen handelt. Während das Ränftel beinahe der mittelhochdeutschen Form entspricht, ist bei Räftel das n geschwunden.[1]

Her mit dem Gipfel(e)!

Um das Endstück des Brotes, dem Gipfele oder Gipfel, das beim Schneiden des Gebäcks entsteht, streiten sich in See, am Anfang und Ende des Ötztals und in Mieming die Kinder. Mit dem Minnesänger Oswald von Wolkenstein ist das Wort Gipfel erstmals in der deutschen Sprache, genauer gesagt im Mittelhochdeutschen, belegt. Während es im 15. Jahrhundert lediglich im Oberdeutschen auftrat, zählte es im 16. Jahrhundert bereits als Teil der allgemeinen Schriftsprache. Man bezeichnet damit die Spitze, den höchsten Punkt eines Gegenstandes. Die Wortherkunft ist dabei nicht eindeutig geklärt, da mehrere Erklärungsansätze vorliegen: Zum einen wird angenommen, dass Gipfel die entrundete Form von Güpfel ist, das zu Gupf gebildet wurde. Hier aber setzen andere an und denken diesen Prozess in umgekehrter Reihenfolge. Güpfel sei durch die Rundung von i zu ü aus Gipfel entstanden. Abseits dieser Rundungs- und Entrundungsfrage geht man zum anderen davon aus, dass Gipfel auch eine eigenständige Form sein könnte. Tendenziell ausdifferenziert hat sich mit Gupf und Gipfel die Gestalt der bezeichneten Objekte, wenn auch hier keine strikte Trennung angenommen wird. Bei Gegenständen mit rundlichen Spitzen neigt man eher dazu, sie Gupf zu nennen, Gipfel hingegen gebraucht man bei spitz zulaufenden Objekten. Unsere Belege unterstützen diese Aufteilung, denn die Gewährspersonen betonten häufig, dass das Gipfele und Gipfel von einem Langbrot und nicht von einem Laib stammt. Dass die Aufteilung in rund und spitz nicht rigide durchgeführt wird, zeigt wohl am besten der Überbegriff Berggipfel, die in ihrer tatsächlichen Gestalt durchaus variieren können.[2]

Ganz am Rändel

In Vent, in Lienz und in Obertilliach heißt das Randstück des Brotes ganz einfach das Rändel. Bereits im Althochdeutschen ist dieses Wort mit rand, rant belegt und es scheint mit Rinde in Verbindung zu stehen. Ganz allgemein bezieht sich Rand auf etwas Umgebendes, Umhüllendes oder Einfassendes. Seit althochdeutscher Zeit hat jedoch eine Bedeutungserweiterung stattgefunden, denn früher war darunter lediglich ein Teil des Schildes verstanden worden, während nun das Äußere vielerlei Dinge ein Rand sein kann.[3]

(K)ein Scherz(el)

Im südöstlichsten Osttirol, in Matrei in Osttirol, in St. Veit im Defereggen, in den Bezirken Schwaz, Kufstein und Kitzbühel, wie auch im untersten Oberinntal, im Großraum Innsbruck und im Wipp- und Stubaital ist das Resultat des ersten Brotanschnitts das Scherzel oder der Scherz. Diese zwei Bezeichnungen gehen auf mittelhochdeutsch schërz für ‚abgeschnittenes Stück‘ bzw. schërzel für ‚kleines, abgeschnittenes Stück, Schnittchen‘ zurück und sind mit dem althochdeutschen scurz, scurt ‚kurz‘ bzw. im eigentlichen Sinne ‚abgeschnitten‘ verbunden. In vielen Gemeinden fehlt in der konkreten mundartlichen Realisierung das r vor z. dort nennt man den Brotanschnitt Scheaschts/Schäaschtsl und Scheachts/Scheachtsl. R wird vor Zahnlauten (Dentalen) wie t, d, s und z zu ch oder sch. Die Region ist dabei entscheidend, zu welchem Laut r wird. Wo man das r als Zungenspitzen-r ausgesprochen, entsteht der sch-Laut, das Zäpfchen-r hingegen wandelt sich zu ch (wie im hinteren Zillertal).[4]

Der Anfang vom Ende

Alles hat ein Ende, nur das Brot hat zwei Ränggel oder Ranggen. Mit diesen Wörtern bezeichnet man nicht ausschließlich die End- und Anfangsstücke des Brotes, sondern beschreibt damit im Allgemeinen eher größere Stücke von Brot oder auch Fleisch. Es ist jedoch in den Dialekten weitum verbreitet. Wenn auch die Bedeutung der Bezeichnung recht eindeutig eingegrenzt werden kann, bleibt die Herkunft dieses Wortes unklar.[5]

Ganz und gar deutsch

Wird das erste Stück Brot in Thiersee und im hintersten Lechtal heruntergeschnitten, erhält man ganz eindeutig den Anschnitt.

Ein Brotzipfel

Schneidet man keinen Laib, sondern ein Langbrot an, dann erhält man als Abschnitt im hinteren Ötztal, in Wenns, in Teilen des Oberen Gerichts, im Paznaun sowie im Stanzertal und einzelnen Nennungen in den Bezirken Lienz und Kufstein den Zipfel. Das Wort Zipfel zielt auf das spitze Endstück eines länglichen Gegenstandes ab, kann aber auch zur Bezeichnung eines emporragenden Objektes verwendet werden. An das Ausgangswort Zipf für ‚Spitze, spitzes Ende‘ wird die Verkleinerungsendung –el angefügt. Das abgeleitete Zipfel ist seit spätmittelhochdeutscher Zeit mit zipfel im Deutschen belegt. In der Schriftsprache konnte sich Zipfel stärker durchsetzen, weshalb Zipf kaum mehr verwendet wird. Zipfel ist wohl mit Zapfen und Zopf verwandt.[6]

Karte/Kartentext: Julia Baumgartner

Literatur
  1. [PfeiferPfeifer, Wolfgang (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchges. Ausg.; 8. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl., S. 1077 | DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 14, Sp. 90 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 742 | SchatzSchatz, Josef (1993) (1955–1956): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Für den Druck vorbereitet von Karl Finsterwalder. Unveränderter Nachdruck der Ausgaben von 1955 und 1956. 2 Bde. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner (= Schlern-Schriften 119–120)., S. 531–532]
  2. [DWB, Bd. 7, Sp. 7522–7523 | Kluge, S. 358 | Pfeifer, S. 451]
  3. [DWB, Bd. 14, Sp. 82]
  4. [Kluge, S. 800 | LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 2, Sp. 713]
  5. [DWB, Bd. 14, Sp. 105 | Pfeifer, S. 1150]
  6. [DWB, Bd. 31, Sp. 1543 und 1546 | Kluge, S. 1013 | Pfeifer, S. 1616]
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