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Erstellt von Elisabeth am 4. Dezember 2017, um 16:09 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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|Kartentext='''Auch in Tirol muss man, um Brot zu backen, zunächst Getreide ernten und mahlen. Das Produkt daraus, das die Grundlage für alle Arten von Backwaren bildet, wird zwar in ganz Tirol als ''Mehl'' bezeichnet, jedoch lässt sich anhand der Karte eine sehr schöne Dreiteilung erkennen, die das Unterland östlich der Zillereinmündung, Osttirol und das restliche Nordtirol in eigene Bereiche gliedert.'''
 
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In den südbairischen Sprachgebieten des westlich der Zillereinmündung liegenden Nordtirols sowie Osttirols ist die Lage etwas verzwickter. Hier wird normalerweise aus mittelhochdeutsch ''ê'' – also langem ''e'' – der fallende Diphthong ''ea''. Jetzt liegt im Mittelhochdeutschen mit ''mël'' allerdings ein kurzes ''ë'' zugrunde. Hier muss also eine Längung von kurzem ''e'' zu langem ''ê'' eingetreten sein. Der Langvokal ''ê'' wurde in den südbairischen Dialekten nämlich zum fallenden Diphthong ''ea'' gestürzt. Diese Entwicklung ist in Osttirol wie auch in Südtirol unterblieben, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Längung von ''e'' zu ''ê'' im Wort ''Mehl'' südlich des Alpenhauptkamms erst zu einer Zeit auftrat, als die Veränderung von ''ê'' zu ''ea'' nicht mehr wirkte.<ref>[TSA, Bd. 1, S. 24 und Karte 24 | Kluge, S. 609 | Kranzmayer³, S. 29]</ref>  
 
In den südbairischen Sprachgebieten des westlich der Zillereinmündung liegenden Nordtirols sowie Osttirols ist die Lage etwas verzwickter. Hier wird normalerweise aus mittelhochdeutsch ''ê'' – also langem ''e'' – der fallende Diphthong ''ea''. Jetzt liegt im Mittelhochdeutschen mit ''mël'' allerdings ein kurzes ''ë'' zugrunde. Hier muss also eine Längung von kurzem ''e'' zu langem ''ê'' eingetreten sein. Der Langvokal ''ê'' wurde in den südbairischen Dialekten nämlich zum fallenden Diphthong ''ea'' gestürzt. Diese Entwicklung ist in Osttirol wie auch in Südtirol unterblieben, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Längung von ''e'' zu ''ê'' im Wort ''Mehl'' südlich des Alpenhauptkamms erst zu einer Zeit auftrat, als die Veränderung von ''ê'' zu ''ea'' nicht mehr wirkte.<ref>[TSA, Bd. 1, S. 24 und Karte 24 | Kluge, S. 609 | Kranzmayer³, S. 29]</ref>  
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Ganz aus der Reihe tanzen hier Ober- und Untertilliach. Sagt also jemand ''Maal'', kann man daran ganz unzweifelhaft die Herkunft einer Person aus den eben genannten Orten erkennen. Es handelt sich hierbei um den mhd. Laut ''ë'', der immer als /a/ ausgesprochen wird, sodass es also in Ober- und Untertilliach etwa ''labm'' (mhd. ''lëben'') und ''gisachn'' (mhd. ''gesëhen'') heißt.<ref>[Kranzmayer³, S. 24, 31]</ref>
  
 
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Die Mundart von Alpbach gehört zwar eigentlich zu den südmittelbairischen Dialekten, weist aber einige Merkmale auf, die bereits eindeutig südbairisch sind. Dies hat sicherlich mit der geographischen Lage zu tun und zeigt sich etwa auch bei der Aussprache von ''Mehl''. Während für das Südbairische ''Meal'' – also mit fallendem Diphthong – typisch ist, zeigt das (süd)mittelbairische hier die ''l''-Vokalisierung, also ''Mö(i)''. In Alpbach liegt nun eine Mischform vor, die beide Zustände reflektiert: ''Mäaö''. Hier liegt sowohl der fallende Diphthong ''ea'' (gesprochen als ''äa'') als auch die ''l''-Vokalisierung zu ''ö'' vor.<ref>[TDA: OSL, 1984, Alpbach Charakteristik, S. 6–7]</ref>
 
Die Mundart von Alpbach gehört zwar eigentlich zu den südmittelbairischen Dialekten, weist aber einige Merkmale auf, die bereits eindeutig südbairisch sind. Dies hat sicherlich mit der geographischen Lage zu tun und zeigt sich etwa auch bei der Aussprache von ''Mehl''. Während für das Südbairische ''Meal'' – also mit fallendem Diphthong – typisch ist, zeigt das (süd)mittelbairische hier die ''l''-Vokalisierung, also ''Mö(i)''. In Alpbach liegt nun eine Mischform vor, die beide Zustände reflektiert: ''Mäaö''. Hier liegt sowohl der fallende Diphthong ''ea'' (gesprochen als ''äa'') als auch die ''l''-Vokalisierung zu ''ö'' vor.<ref>[TDA: OSL, 1984, Alpbach Charakteristik, S. 6–7]</ref>
  
<small>Karte: Elisabeth Buchner <br> Kartentext: Julian Blassnigg </small>
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<small>Karte: Elisabeth Buchner <br> Kartentext: Julian Blassnigg, Yvonne Kathrein </small>
 
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Aktuelle Version vom 27. Februar 2019, 11:15 Uhr

Bedeutung Mehl
Bemerkung
Weitere Informationen
  • Schaufensterseite: Ja

Inhaltsverzeichnis

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Beleg Ort Originalbeleg Vereinfachter Beleg Exploratorionsvermerk
Beleg 5100-0/91 Österreich Nordtirol Kufstein Erl Erl mō̈e̯ möe
Beleg 4120-0/78 Österreich Nordtirol Kitzbühel Kössen Kössen möų̈ möü Expl. korr.
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[Bearbeiten]Karte

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Die Belege gelten nur für den Erhebungszeitraum.
Ohne Mehl und Wasser ist übel backen
Auch in Tirol muss man, um Brot zu backen, zunächst Getreide ernten und mahlen. Das Produkt daraus, das die Grundlage für alle Arten von Backwaren bildet, wird zwar in ganz Tirol als Mehl bezeichnet, jedoch lässt sich anhand der Karte eine sehr schöne Dreiteilung erkennen, die das Unterland östlich der Zillereinmündung, Osttirol und das restliche Nordtirol in eigene Bereiche gliedert.

A mö(i)ige Gschicht

Auch wenn es keine unterschiedlichen Bezeichnungen für das feine Getreidepulver in Tirol gibt, so ist die unterschiedliche Aussprache in den drei großen Bereichen doch spannend. Gemeinsam gehen all diese Aussprachevarianten auf althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. mel(o) und mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. mël zurück und lassen sich mit einer ursprünglichen Wortbedeutung ‚zerreiben, mahlen‘ in Verbindung bringen. Ursprünglich lag beim Vokal zudem ein kurzes e vor. Für das Südmittelbairische – also die Gebiete östlich der Zillereinmündung – liegt hier ganz regelmäßig die l-Vokalisierungallgemein; l- und r-Vokalisierung fallen auch drunter vor, d.h. die Lautkombination el wird hier zu ö bzw. öi gewandelt. Dementsprechend treten hier Aussprachevarianten wie Möö – etwa in Brixen im Thale, oder Möi – etwa in Erl – auf.[1]

Meel oder Meal, das ist hier die Frage

In den südbairischen Sprachgebieten des westlich der Zillereinmündung liegenden Nordtirols sowie Osttirols ist die Lage etwas verzwickter. Hier wird normalerweise aus mittelhochdeutsch ê – also langem e – der fallende Diphthongauch ''Zwielaut''. Zwei aufeinanderfolgende unterschiedliche Vokale, die als Einheit erfasst und nicht getrennt werden können. Im Deutschen treten folgende Diphthonge auf, die auch unter der Bezeichnung Zwielaute bekannt sind: ''ei''/''ai''/''ay''/''ey'', ''au'', ''äu''/''eu'', ''ui''. ea. Jetzt liegt im Mittelhochdeutschen mit mël allerdings ein kurzes ë zugrunde. Hier muss also eine Längung von kurzem e zu langem ê eingetreten sein. Der Langvokal ê wurde in den südbairischen Dialekten nämlich zum fallenden Diphthong ea gestürzt. Diese Entwicklung ist in Osttirol wie auch in Südtirol unterblieben, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Längung von e zu ê im Wort Mehl südlich des Alpenhauptkamms erst zu einer Zeit auftrat, als die Veränderung von ê zu ea nicht mehr wirkte.[2]

Kein Mahl ohne Maal

Ganz aus der Reihe tanzen hier Ober- und Untertilliach. Sagt also jemand Maal, kann man daran ganz unzweifelhaft die Herkunft einer Person aus den eben genannten Orten erkennen. Es handelt sich hierbei um den mhd. Laut ë, der immer als /a/ ausgesprochen wird, sodass es also in Ober- und Untertilliach etwa labm (mhd. lëben) und gisachn (mhd. gesëhen) heißt.[3]

Ein Alpbacher Sonderfall?

Die Mundart von Alpbach gehört zwar eigentlich zu den südmittelbairischen Dialekten, weist aber einige Merkmale auf, die bereits eindeutig südbairischIn Österreich werden - mit Ausnahme Vorarlbergs und Teilen des Außerferns - bairische Dialekte gesprochen. Diese lassen sich in nordbairische, mittelbairische und südbairische Dialekte unterscheiden, die jeweils eigenständige Merkmale und Besonderheiten aufweisen. Während nordbairische Dialekte nur im Freistaat Bayern (Baiern bezeichnet stets bairische Sprache und Kultur und hat mit dem Freistaat Bayern nur bedingt zu tun) gesprochen werden, sind süd- und mittelbairische Dialekte in Österreich weit verbreitet. Südbairische Dialekte werden dabei vor allem in Nordtirol westlich der Zillereinmündung, in Süd- und Osttirol sowie in Kärnten und der südöstlichen Steiermark gesprochen. Mittelbairische Dialekte werden in den nordöstlich davon liegenden Gebieten gesprochen. Klassisches Mittelbairisch hört man vor allem in Oberösterreich, Niederösterreich, dem nördlichen Burgenland und dem nördlichen Salzburger Land. Das südliche Salzburger Land (Pinzgau, Pongau und Lungau) sowie das Nordtiroler Unterland östlich der Zillereinmündung stellen ein Übergangsgebiet zwischen Südbairisch und Mittelbairisch dar, das als Südmittelbairisch bezeichnet wird. sind. Dies hat sicherlich mit der geographischen Lage zu tun und zeigt sich etwa auch bei der Aussprache von Mehl. Während für das Südbairische Meal – also mit fallendem Diphthong – typisch ist, zeigt das (süd)mittelbairische hier die l-Vokalisierung, also Mö(i). In Alpbach liegt nun eine Mischform vor, die beide Zustände reflektiert: Mäaö. Hier liegt sowohl der fallende Diphthong ea (gesprochen als äa) als auch die l-Vokalisierung zu ö vor.[4]

Karte: Elisabeth Buchner
Kartentext: Julian Blassnigg, Yvonne Kathrein

Literatur
  1. [TSAKlein, Karl Kurt/Schmitt, Ludwig Erich/Kühebacher, Egon (1965–1971): Tirolischer Sprachatlas. 3 Bde. Marburg: N. G. Elwert Verlag (= Deutscher Sprachatlas. Regionale Sprachatlanten Nr. 3: Tirolischer Sprachatlas)., Bd. 1, S. 24 und Karte 24 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 609]
  2. [TSA, Bd. 1, S. 24 und Karte 24 | Kluge, S. 609 | Kranzmayer³Kranzmayer, Eberhard (1956): Historische Lautgeographie des gesamtbairischen Dialektraums. Graz/Wien et al.: Böhlau., S. 29]
  3. [Kranzmayer³, S. 24, 31]
  4. [TDATiroler Dialektarchiv: OSL, 1984, Alpbach Charakteristik, S. 6–7]
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BedeutungMehl +
Kartentext
KartentitelOhne Mehl und Wasser ist übel backen
Schaufensterwahr +
SeitentitelMehl +
Diese Seite wurde zuletzt am 27. Februar 2019 um 11:15 Uhr geändert.Diese Seite wurde bisher 775-mal abgerufen.