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Erstellt von Julia am 12. September 2016, um 12:11 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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Auf die Tränendrüse gedrückt
Ob es sich nun um eine schlimme Nachricht, eine schmerzhafte Verletzung oder das jähe Aufbegehren eines trotzigen Kindes handelt – das Resultat ist oft dasselbe: Es wird geweint. Der Kontext, in dem Tränen fließen, und auch die Person, die ebenjene vergießt, beeinflussen hier die Wortwahl. Allenfalls geht es in Tirol so tränenreich zu: Es wird um die Wette geflientscht/gepflinscht, geblässt, gerehrt, geplärrt, geweeggt, gehöhnt und gegellt.

Kein Grund zu rehren

Traurige Begebenheiten sind oft Anlass zu rehren. Im gesamten Nord- und Osttiroler Gebiet beantworteten Gewährspersonen die Frage, wie man zum Weinen sagt, vor allen anderen Varianten mit der Form rehren. Angaben werden, insofern es genauere Beschreibungen gibt, hier vor allem zu den Umständen gemacht – rehren sei eine leisere Form des Weinens, man verwende es (je nach Region) seltener, es sei ein nobler Begriff, der sich sowohl zur Bezeichnung von Tränenausbrüchen bei Erwachsenen als auch bei Kindern eigne. Auch entspreche rehren jenem Weinen, das man bei Begräbnissen erlebe. Die Herkunft dieses Wortes ist schnell geklärt, denn hinter rehren steckt das mittelhochdeutsche Wort rêren mit der Bedeutung ‚blöken, brüllen‘.[1] Damit ist es auch der Vorläufer des standarddeutschen röhren. In der Mundart wurde dabei ö zu e entrundet, wobei im Neuhochdeutschen ein leichter Bedeutungswandel eingetreten ist.

Rotz und Wasser flientschen/pflintschen

Beim Weinen oder beim Flientschen/Pflintschen, wie man in Abfaltersbach, St. Veit in Defereggen und in Außervillgraten sagt, wird das Gesicht nicht nur von Tränen benetzt. Man neigt auch dazu, den Mund bzw. das gesamte Gesicht zu verziehen. Dem Umstand, dass man oft mit verzogenem Mund weint, wird in diesen beiden Formen Rechnung getragen, denn sie stehen beide in enger Verbindung mit dem mittelhochdeutschen vlans für ‚Mund‘. Auch mit dem Wort flennen besteht ein Zusammenhang.[2]

Bläss doch nicht!

Dauert das Weinen und Klagen eines Kindes an, wird es in der Wildschönau, in Söll, in Brandenberg und in Schwoich mit einem strengen „Hör auf zu blässen!“ aufgefordert, sich endlich zu beruhigen. Blässen haften – zumindest in Söll – eher negative Zuschreibungen an. Zurückgeführt kann das Verb blässen auf althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. plāʒan mit der Bedeutung ‚blöken‘.[3]

Krokodilstränen plärren

Fällt ein Kind im Ötztal, am Eingang des Pitztals, in Teilen des Oberen Gerichts, am Ende des Stanzertales, in nördlichsten Teil des Außerferns und im Süden Osttirols hin und schlägt sich dabei das Knie auf, dann plärrt es nicht selten herzerweichend. Das Wort plärren ist mit blêren, blerren bereits im Mittelhochdeutschen belegt und hatte zu jener Zeit die Bedeutung ‚blöken, schreien‘. Eine weitere Komponente, die hier keine unwesentliche Rolle spielen dürfte, ist der lautmalerische Aspekt dieser Form.[4]

Sich die Augen aus dem Kopf weeggen

Tränennasse Gesichter sind das Resultat vom vielen Weeggen. So spricht man in Virgen und in Prägraten am Großvenediger nicht davon, dass jemand in Tränen ausgebrochen ist oder weint, sondern nennt es schlichtweg weeggen. Hier lässt sich nicht klären, welchen Ursprung dieses Wort hat. Es könnte möglicherweise mit mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. ‚Weh‘ in Verbindung stehen.

Sich Seele aus dem Leib höhnen

Lässt man lautstark seinem Frust und seinen Tränen freien Lauf, fällt in Musau und in Weißenbach am Lech die Bezeichnung höhnen. Diese Varianten – in den Tiroler Dialekten als hiane und heane ausgesprochen – gehen auf mittelhochdeutsch hœnen zurück. Ursprünglich war die Bedeutung dieser Wörter an ‚in Zorn geraten‘, ‚schreien‘ und ‚heulen‘ orientiert.[5]

Jemanden zum Gellen bringen

Fließen die Tränen in Sturzbächen und reihen sich Schluchzer aneinander, bezeichnet man ein solches Verhalten in Tannheim und Nesselwängle als gellen. Dass es dabei nicht gerade leise zugeht, zeigt sich bereits in der Wortbedeutung von gëllen im Mittelhochdeutschen. Darunter verstand man und versteht auch heute noch sowohl ‚grell oder laut tönen‘ als auch ‚schreien‘. Bis ins 18. Jahrhundert zählte gellen zu den unregelmäßigen Verben (gellen, gall, gegollen), heute werden seine Vergangenheitsformen wie jene der regelmäßigen Verben (gellen, gellte, gegellt) gebildet.[6]

Karte/Kartentext: Julia Baumgartner

Literatur
  1. Lexer, Bd. 2, Sp. 408
  2. [SchöpfSchöpf, Johann Baptist (1866): Tirolisches Idiotikon. Wagner'sche Universitätsbuchhandlung: Innsbruck., S. 142 | LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 3, Sp. 387 | SchmellerSchmeller, Johann Andreas (1872 und 1877): Bayerisches Wörterbuch. 2., mit des Verfassers Nachträgen vermehrte Ausgabe. Bearbeitet von Georg Karl Frommann. 2 Bde. München: Rudolf Oldenbourg., Sp. 794 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 300]
  3. [Schöpf, S. 45 | DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel. , Bd. 2, Sp. 73]
  4. [Lexer, Bd. 1, Sp. 303 | DWB, Bd. 13, Sp. 1898 | Schöpf, S. 509]
  5. [SchatzSchatz, Josef (1993) (1955–1956): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Für den Druck vorbereitet von Karl Finsterwalder. Unveränderter Nachdruck der Ausgaben von 1955 und 1956. 2 Bde. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner (= Schlern-Schriften 119–120)., S. 304 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1335 | Idiotikon(1881–) Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache., Bd. 2, Sp. 1370]
  6. [Lexer, Bd. 1, Sp. 821 | DWB, Bd. 5, Sp. 3037]
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