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Erstellt von Julia am 29. August 2016, um 10:07 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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Die Belege gelten nur für den Erhebungszeitraum.
Will man in Tirol ein großes Feuer machen, steigt potenziell zur Zahl der eingeheizten Scheite die Gefahr, am Ende die Hände gespickt mit Holzsplittern zu haben. Richtige Tiroler kennen keinen Schmerz, dafür aber umso mehr Wörter, um den Schmerzauslöser zu benennen. So sagt man dazu Schiefer, Kleispe, Spiss/Spieß, Dorn, Span und Spreise/Speise. Am vielfältigsten geht es im Außerfern zu, wo die Hälfte der Bezeichnungen zu finden ist.

Zieh dir keinen Schiefer ein!

Passt man beim Holzeinsammeln in fast ganz Nordtirol nicht auf, hat man sich nur allzu schnell einen Schiefer eingezogen. Nur im nördlichsten Teil des Außerferns nennt man ihn anders. Schiefer geht auf das althochdeutsche Wort scifaro ‚Splitter‘ zurück und ist in den Tiroler Dialekten auch heute noch mit dieser Bedeutung erhalten. Erst im Nachhinein wurde ebenjene Bezeichnung auf eine splitternde Gesteinsart übertragen.[1]

Von Spreisen und Speisen

Wenn nach getaner Arbeit im Außerfern die Hände schmerzen, muss nicht immer die anstrengende Tätigkeit der Auslöser sein. Der Schmerz kann natürlich auch von einer eingedrungenen Spreise (Reuttener Becken) oder Speise (Tannheimer Tal) herrühren. Hinter Spreise/Speise steckt das mittelhochdeutsche Wort der sprîʒe ‚Splitter‘, das dort noch männlich war. Heute ist es mit die Spreise/Speise vorwiegend weiblich. Man hat hier wohl das Geschlecht von mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. spriuʒe ‚Stützbalken, Pfeiler‘ auf den Splitter übertragen.[2]

Ein Dorn im Auge

Ebenfalls im Außerfern löst der Dorn das schmerzhafte Piksen aus, wenn man ungehobeltes Holz unvorsichtig aufhebt. Die Bezeichnung Dorn bezieht sich hier auf die scharfe Spitze, die ein Holzsplitter haben muss, um die Haut durchstoßen zu können. [3]

Spieß und spiss dich nicht auf!

Ganz so dramatisch ist es in ganz Osttirol und im Paznaun dann doch nicht, lässt sich der Spieß oder Spiss ja mit Stecknadel, Pinzette, guten Augen und einer Portion Mut leicht entfernen. Im Mittelhochdeutschen gab es bereits die Form spiʒ ‚(Brat-)Spieß‘. Die Bedeutung ‚Splitter‘ ist hingegen heute lediglich regional verbreitet. Verwandt ist dieses Wort mit spitz. Die mittelhochdeutsche Form spricht man wie das heutige Spiss mit kurzem i aus. Die Bezeichnung Spieß hingegen, die sich aus demselben Wort wie Spiss herausentwickelt hat, mit langem i, da hier der Selbstlaut gedehnt wurde.[4]

Wenn dich eine Kleispe plagt …

Pikst und stupft es in der Hand, ist es Zeit, nach dem Verursacher zu suchen, der sich nur im Außerfern vereinzelt als Kleispe entpuppt. Dieses Wort steht möglicherweise mit mittelhochdeutsch klieben für ‚spalten‘ in Verbindung. Außerhalb Tirols gibt es dialektale Formen, die auf -er wie Kleisper oder Kleister enden. Man nimmt an, dass die Kleispe eine Variante davon ist. Auch wenn die Herkunft nicht eindeutig geklärt werden kann, muss sich das Ursprungswort um die Bedeutung ‚splittern, reißen‘ gedreht haben.[5]

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  1. [DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 15, Sp. 1 | PfeiferPfeifer, Wolfgang (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchges. Ausg.; 8. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl., S. 1197 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 802]
  2. [DWB, Bd. 17, Sp. 18–19 | LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 2, Sp. 1119]
  3. [DWB, Bd. 2, Sp. 1287 | AdelungAdelung, Johann Christoph (1811): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. Wien: Bauer., Sp. 1524 ]
  4. [DWB, Bd. 16, 2449–2452 | SchmellerSchmeller, Johann Andreas (1872 und 1877): Bayerisches Wörterbuch. 2., mit des Verfassers Nachträgen vermehrte Ausgabe. Bearbeitet von Georg Karl Frommann. 2 Bde. München: Rudolf Oldenbourg., Sp. 687–689]
  5. [DWB, Bd. 11, Sp. 1133–1134 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1622 | Schmeller, Sp. 1340]
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