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Erstellt von David am 2. Februar 2016, um 11:39 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

Version vom 6. Juni 2018, 09:15 Uhr von Julia (Diskussion | Beiträge)

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Bedeutung Dienstag
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lexikalische Varianten von 'Dienstag'
Gott sei Dank ist’s Dienstag
Der Formenreichtum des Dienstags ist in Tirol besonders groß. Hier sind alle vier deutschen Varianten des zweiten Wochentags zu finden. Nach orientalisch-antikem Vorbild waren dabei verschiedene lokale Gottheiten namensgebend und hinterließen über oftmals verschlungene Wege Spuren in den Dialekten Tirols.

Im Großteil Tirols folgt auf den Montag der Ergetag. Diese Bezeichnung zählt zu den wenigen Wörtern, die ausschließlich im Bairischen vorkommen (Kennwort?)[1]. Über ostgermanischen Umweg schlägt sich hier der griechische Kriegsgott Ares durch. Sein germanischer Götterkollege Tyr (althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. Ziu) dagegen klingt im alemannischen Ziestag an, das diesseits der Vorarlberger Landesgrenze nur in Galtür belegt ist. Mars Thingsus, eine weitere Erscheinungsform des Kriegsgottes, gab auch dem ursprünglich mittelniederdeutschen Dienstag seinen Namen. Durch Luther fand dieser Einzug in die Schriftsprachesiehe Standarddeutsch und somit immer größere Verbreitung, auch in Tirol. Im Außerfern dagegen wurde die Erinnerung an die heidnischen Götter getilgt und aus dem ‚Tag nach dem Montag‘ ein christlicher Aftermontag.

Alles Gute zum Arestag!

Wie auch Pfinztag aus pémptē hēmérā ‚fünfter Tag‘ ist der Ergetag aus dem Griechischen entlehnt: Áreōs hēmérā ‚Tag des Ares‘ muss über das gotische *Sternchen (Asterisk); bezeichnet eine Form, die sprachgeschichtlich nicht schriftlich belegt, sondern nur erschlossen istArjaus dags im Bairischen zum ersten Wortbestandteil *erje- geworden sein. Dessen ursprünglichste Weiterentwicklung Erge- ist heute noch in den beharrlichen Gebieten des Ötztals und des hinteren Zillertals zu finden, was auf ihr hohes sprachgeschichtliches Alter hinweist. Dazwischen, im verkehrsnahen Wipptal, wurde sie durch Erch- ersetzt, das lautgeschichtlich einen anderen Weg ging und auch im Inntal von Imst bis zur Zillermündung samt Brixental, im osttirolischen Pustertal sowie als (vokalisiertes) Each- im Virgental weit verbreitet ist. Ein daraus gekürztes Er- ist im Oberland ab Imst erhalten.[2] Die Nebenform Mer- ist dort durch Anlehnung an den AnlautEs handelt sich dabei um den ersten Laut eines Wortes oder einer Silbe, der jedoch nicht mit einem Buchstaben gleichzusetzen ist. Nicht jeder Laut verfügt über ein entsprechendes Zeichen im Alphabet, wenn auch großteils eine Übereinstimmung besteht. Beispielsweise lautet '''''B'''aum'' mit ''b'' an, während bei '''''Sch'''ule'' der Laut ''sch'' im Anlaut steht. von Montag und Mittwoch und/oder durch falsche Trennung der Fügung am Erti zu erklären (Agglutinationist ein Vorgang, bei dem sich Laute oder darüberhinausgehende Einheiten an ein anderes Wort anheften. Davon sind oft Präpositionen oder Artikel betroffen, die sich mit einem nachfolgenden Wort verbinden. Im Dialekt ist dies häufig zu beobachten, wie etwa bei ''Nåpm'' für 'Atem', das aus ''n Åpm'' hervorgeht, oder ''Nahle'', einem Werkzeug zum Vorstechen von Löchern, dem ''n Ahle'' zugrunde liegt.). Schillerndere Formen wie etwa Esch- im Unterland ab der Zillermündung oder Ersch- in Kartitsch, Ech- oder Echsch- im vorderen Zillertal bzw. Ea- im Isel- und Drautal sind durch die typischen Lautwandel? von r zu sch oder ch vor t in -tag (Palatalisierung?) bzw. von r zu a nach Selbstlaut (Vokalisierungallgemein; l- und r-Vokalisierung fallen auch drunter) entstanden. Über das ganze Verbreitungsgebiet verstreut beginnen viele Varianten von Ergetag auch mit Ä-, I- oder sogar Ö-.

Geschtern isch no Zischtig gsi (???)

Im Alemannischen dagegen ist die Form Ziestag weit verbreitet. Sie geht über ein nur im Alemannischen bezeugtes mittelhochdeutsches zîstac (oder auch zinstac) auf Ziu zurück, den althochdeutschen Namen von Tyr, dem germanischen Kriegsgott. Eine sprachliche Verwandtschaft lässt sich etwa mit englisch Tuesday herstellen.[3] Durch den Einfluss des alemannischen Montafon ist der Ziestag als Tsiiⁿschtig auch ganz im Westen Tirols, in Galtür zu finden.

Im Dienste der Allgemeinheit

Der heute hochsprachlichen Form Dienstag liegt ein mittelniederdeutsches dingesdach, dinsedach zugrunde, das zu Ehren des (latinisierten) germanischen Gottes Mars Thingsus gebildet wurde. Ursprünglich am Niederrhein verbreitet, gelangte es durch die Bibelübersetzung Luthers in die Schriftsprache.[4] Besonders in den Ballungsräumen Tirols breitet sich der Dienstag daher immer weiter aus. Dort hat er sich auch lautlich schon an die lokalen Gepflogenheiten angepasst, oft in Anlehnung an den Dienst, womit dieser aber ähnlich den Wörtern Freitag und frei sprachgeschichtlich nichts zu tun hat. Je nach Gegend wird das s vor t zu sch (Palatalisierung), aus dem eigentlich einfachen i der Zwielautauch''Diphthong''. Zwei aufeinanderfolgende unterschiedliche Vokale, die als Einheit erfasst und nicht getrennt werden können. Im Deutschen treten folgende Diphthonge auf, die auch unter der Bezeichnung Zwielaute bekannt sind: ''ei''/''ai''/''ay''/''ey'', ''au'', ''äu''/''eu'', ''ui''. ia bzw. ea (Diphthongierungauch ''neuhochdeutsche Diphthongierung''. Lautveränderung, die ab dem 12. Jahrhundert auftrat. Dabei wurden die langen Vokale ''i'', ''ü'' und ''u'' zu den Zwielauten ''ei'', ''eu'' und ''au''. Dieser Wandel trat in den alemannischen Dialekten (also vor allem in Vorarlberg, der Schweiz und Baden-Württemberg) nicht ein. Hier heißt z.B. ''mein Haus'' noch heute ''min Hus''.), es verschwindet das n nach Vokal (Nasalierung?) oder es treten sogar alle drei Wandel gleichzeitig wie in Deaschtåg an der Zillermündung ein.

Göttliche Grenzen

Um bei der Benennung der Wochentage nicht etwa an heidnische Götter wie Ares, Tyr oder Mars Thingsus zu erinnern, entschied sich die Diözese Augsburg für etwas Neues: die Einführung eines frommen Aftermontags.[5] Da ihr Einfluss bis 1816 auch ins Tiroler Außerfern reichte, ist diese Neubildung heute noch, wie auch im benachbarten Schwäbisch, verbreitet.[6] Die alemannisch?-bairischen Lautgrenzen a/ä und å/a teilen das Außerfern im Lechtal zwischen Forchach und Weißenbach genau in der Mitte, was dieses Wort eindrucksvoll zeigt. Südwestlich davon findet man die bairische Lautung Åfterman-, nordöstlich die alemannische Aftrme-. Beide Varianten gehen auf die Zusammensetzung von mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. after ‚hinten, hinter, nachfolgend‘ und (der umgelauteten Form von) ‚Montag‘, mæntac zurück.[7]

Karte/Kartentext: David GschösserGschösser, David (2017): Die südbairisch-mittelbairischen Lautgrenzen im Tiroler Unterland. Bisherige Darstellung und Neuerhebung. Unveröffentlichte Masterarbeit: Innsbruck.

Literatur
  1. [Kranzmayer²Kranzmayer, Eberhard (1960): Die Bairischen Kennwörter und ihre Geschichte. Graz et al.: Böhlau., S. 8]
  2. [Kranzmayer1, S. 26–36 und 80]
  3. [LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 3, Sp. 1136–1137 | DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 31, Sp. 1236–1239 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 199]
  4. [Kluge, S. 199]
  5. [???]
  6. [???]
  7. [Lexer, Bd. 1, Sp. 24–25 und 2038–2039]
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