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Erstellt von Julia am 21. Januar 2016, um 11:03 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

Version vom 6. Juni 2018, 15:21 Uhr von Julia (Diskussion | Beiträge)

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Bedeutung schwarzer Alpensalamander (Salamandra atra)
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Ein Lurch im Höhenrausch
Ein glücklicher Zufall mag es sein, dass man ein Tattermandl, einen Salamander, ein Bergmandl, einen Wegstorfen, einen Wegnarren, einen Quatterpetsch, einen Regenstorzer, ein Regenmandl, eine Wegnorge oder ein Heredaggsl/Hewedaggsl auf seiner Wanderung in den Wäldern und Bergen Tirols sieht. Dabei handelt es sich aber nicht jeweils um ein eigenes Tier, was diese Bezeichnungen vermuten lassen würden, sondern stets um den in Tirol heimischen schwarzen Alpensalamander. Zeuge eines besonders bunten Worttreibens wird man im Außerfern, wo gleich fünf gänzlich verschiedene Formen auftreten.

Zauberei und Teufelswerk!

Die Vielfalt der Bezeichnungen hat der Alpensalamander seiner vermeintlich dämonisch-teuflischen Herkunft und seinen ihm zugesprochenen magischen Fähigkeiten zu verdanken, was sich in den Vorstellungen abergläubischer Menschen lange gehalten und zu einer Begriffsexplosion geführt hat. So wurde etwa, sein „wahrer“ Name oft nicht ausgesprochen, sondern umgestaltet und umgedeutet (Volksetymologie). Während die ihm angedichteten Fähigkeiten kaum Teil der Bezeichnungen sind, orientieren sie sich häufig an der Gestalt des Tieres oder an allgemeineren Eigenschaften.[1] Eine solche sprachliche Tabuisierung ist auch bei anderen Tieren und in anderen Sprachen zu beobachten. Aus diesem Grund nennt man den Bären im Deutschen auch den Braunen oder im Russischen medved‘ ‚Honigesser‘.

Ganz tirolerisch: SalaMander es isch Zeit

Vereinzelt, dafür aber quer durch Tirol nennt man den schwarzen Alpensalamander – wie im Standarddeutschen – ganz schlicht Salamander. Zurückgeht diese Bezeichnung auf das lateinische Wort salamandra, das aus dem Arabisch-Persischen übernommen wurde. Persisch samandar leitet sich von samand ‚feuerrot‘‘ ab. Auch wenn Alpensalamander keine rote Färbung besitzen, ist die Verbindung zum Feuer schnell gefunden – nicht umsonst gibt es auch einen Feuersalamander, der mancherorts tatsächlich rot-schwarz gefleckt sein kann. Früher glaubte man nämlich, dass diese Tiere nicht einmal durch Feuer zu töten wären, sie selbst im Feuer lebten oder aber, wenn auch seltener, dass sie Feuer erlöschen ließen. In der Alchemie nannte man auch den Elementargeist des Feuers Salamander.[2]

Kleiner, männlicher Bergsteiger

Wenn der Zufall es will, trifft man in Weißenbach am Lech und in Reutte auf ein Bergmandl. Was sich anhört wie eine Sagengestalt, ist lediglich ein weiterer Name unter vielen, die es in Tirol für den schwarzen Alpensalamander gibt. Der erste Wortteil lässt sich durch sein Vorkommen, das vorwiegend auf das Gebirge beschränkt ist, erklären. Der zweite Wortteil –mandl wird vermutlich auf seine Gestalt zurückzuführen sein, die mit etwas Fantasie tatsächlich einem kleinen Männchen gleicht.

Für jedes Wetter zu haben

Nasse Tage locken die Regenmandln im Lechtal, in Tannheim, in Matrei in Osttirol, im hinteren Defereggen, in Kals am Großglockner, in Assling und im Lienzer Talboden aus ihren Verstecken. Regen und Feuchtigkeit genießt auch der Regenstorzer, weshalb er gerade bei nass-feuchtem Wetter im Lechtal anzutreffen ist. Beide Bezeichnungen lassen sich mit der Gewohnheit des Alpensalamanders erklären, sich bei Regenwetter eher zu zeigen. Im Alpenraum schreibt man dem Salamander zu, das Wetter vorhersagen zu können, weshalb häufig Bezeichnungen in Verbindung mit Regen- oder Wetter- entstanden sind. Beim Regenstorzer folgt der ersten, wetterlastigen Wortkomponente eine zweite vielfältigeren Ursprungs: So geht -storzer auf das mittelhochdeutsche Verb sterzen mit der Bedeutung ‚steif emporragen‘ zurück, was eindeutig der Drohhaltung des Alpensalamanders geschuldet ist.[3]

Ein Vierbeiner anderer Art

Untertags bleibt der Quatterpetsch in Teilen des Oberen Gerichts, in Galtür und in Wenns in seinem kühlen Versteck, in der Nacht begibt er sich jedoch auf Beutezug. Bei diesem Wort kommt wie auch beim ähnlichen Knatterpetsch (Tarrenz) und anderen davon abgeleiteten Formen wie dem wie Watermandl (Untertilliach) oder Quatterlein (Serfaus) die äußere Gestalt des Alpensalamanders zum Tragen. Sie leiten sich alle vom lateinischen *Sternchen (Asterisk); bezeichnet eine Form, die sprachgeschichtlich nicht schriftlich belegt, sondern nur erschlossen istquattuorpedia ab, dessen Nachfolgeform sich in den alpenromanischen Sprachen gehalten hat, und nichts anderes als ‚Vierfüßler, vierfüßiges Tier‘ bedeutet.[4]

Kein Tattergreis

Nur selten bekommt man das scheue Tattermandl im Ötztal, um Imst, im Tannheimertal, in Musau, Reutte und Bichlbach oder zwischen Rietz und Baumkirchen, im Stubai- und in Wipptal sowie im Villgratental und im Osttiroler Pustertal zu Gesicht. Auch hier klingen zumindest im ersten Wortteil Tatter- aus quattuor- noch Reste des lateinischen Ursprungs an. Im Volksglauben ist der Tattermann neben der Bezeichnung des Alpensalamanders besonders im Bairischen als Dämon bekannt. Darüber hinaus versteht man auf gesamten österreichischem Territorium auch ‚Schreckgestalt, Vogelscheuche‘ oder aber auch ‚aufstehende Säule eines Brunnens‘ darunter, was wiederum eine Anspielung auf die aufrechte Drohhaltung, die er bei Gefahr einnimmt, sein könnte.[5]

Oder doch bloß eine Eidechse?

Kriecht ein Heredaggsl oder ein Hewedaggsl über den Weg, befindet man sich in Schönwies oder in Außervillgraten. Seine Wurzeln hat dieses Wort im Indogermanischen. Es setzt sich aus dem Wort *ogwhi- für ‚Schlange‘ und dem Wortbestandteil *tek- für ‚laufen‘ zusammen und bedeutet so viel wie ‚laufende Schlange‘. Im Althochdeutschen ist es mit egidehsa, ewidehsa belegt. Spätere Ableitungen können in den heutigen Dialekten vielerlei Gestalt annehmen. Im Normalfall bezeichnet man mit diesem Wort ‚Eidechsen‘, wobei gerade wegen ihrer Ähnlichkeit nicht auszuschließen ist, dass es zu Verwechslungen kam oder aber auch dass diese Art von Tieren dort kollektiv so genannt wurde. Letztere Annahme wird wohl auf beide hier genannten Gemeinden zutreffen: In Außervillgraten wurde im Bestand vermerkt, dass keine Unterscheidung zwischen den Tieren vorgenommen wird. In Schönwies hingegen lassen gleiche Belege für Eidechse und Alpensalamander auf Ähnliches schließen.[6]

Die Wege kreuzen sich

Wandert man durch das Stanzertal, durch das Panznaun, in Serfaus oder in Zams, erhascht man vielleicht einen Blick auf die Wegnorge. In diesem Gebiet reichen in Tirol die ältesten Relikte romanischer Sprachen noch in die dortigen Mundarten. Demnach liegt der Wegnorge das lateinische orcus ‚Unterwelt, Gott der Unterwelt‘ zugrunde, auf das auch bairisch? Norgg, Nörggelen ‚sagenhafter Zwerg, zurückgebliebener Mensch‘ zurückgehen. Darin verdeutlicht sich wieder die Verbindung zur Welt der Toten, der Dämonen und des Unheimlichen. Die gleiche sprachliche Herkunft besitzt der Wegnarr, dem man in den Bezirken Schwaz, Kufstein und Kitzbühel mit viel Glück begegnet. Auch wenn in der heutigen Form eindeutig das Wort Narr vorkommt, hat er mit närrisch sein wenig zu tun. Der zweite Wortteil –narr entstand aus der Umdeutung von orcus, bei dem durch Agglutinationist ein Vorgang, bei dem sich Laute oder darüberhinausgehende Einheiten an ein anderes Wort anheften. Davon sind oft Präpositionen oder Artikel betroffen, die sich mit einem nachfolgenden Wort verbinden. Im Dialekt ist dies häufig zu beobachten, wie etwa bei ''Nåpm'' für 'Atem', das aus ''n Åpm'' hervorgeht, oder ''Nahle'', einem Werkzeug zum Vorstechen von Löchern, dem ''n Ahle'' zugrunde liegt. vermutlich ein n an den Beginn des Wortes gestellt wurde – derselbe sprachliche Prozess fand auch bei –norge statt.[7]

Karte/Kartentext: Julia Baumgartner

Literatur
  1. [Klausmann/Krefeld²Klausmann, Hubert/Krefeld, Thomas (1991): Zur Dämonisierung und Tabuisierung des Salamanders in Friaul und andernorts. In: Kramer, Johannes (Hrsg.): SIVE PADI RIPIS ATHESIM SEV PROPTER AMOENVM. Festschrift für G. B. Pellegrini, Hamburg: Helmut Buske Verlag, S. 195–205., S. 196]
  2. [DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 14, Sp. 1678–1679 | PfeiferPfeifer, Wolfgang (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchges. Ausg.; 8. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl., S. 1159 | Klausmann/Krefeld², S. 197]
  3. [Klausmann/Krefeld², S. 198 | Klausmann/Krefeld¹Klausmann, Hubert/Krefeld, Thomas (1986): Romanische und rätoromanische Reliktwörter im Arlberggebiet. In: Holtus, Günter/Ringger, Kurt (Hrsg.): RAETIA ANTIQUA ET MODERNA. W. Theodor Elwert zum 80. Geburtstag. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, S. 121–145., S. 126 | Idiotikon(1881–) Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache., Bd. 11, Sp. 1549–1550 | LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 2, Sp. 1184]
  4. [Klausmann/Krefeld², S. 203]
  5. [Klausmann/Krefeld², S. 196 | Klausmann/Krefeld¹, S. 126]
  6. [Klausmann/Krefeld¹, S. 126 | SchatzSchatz, Josef (1993) (1955–1956): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Für den Druck vorbereitet von Karl Finsterwalder. Unveränderter Nachdruck der Ausgaben von 1955 und 1956. 2 Bde. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner (= Schlern-Schriften 119–120)., S. 141 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 230–231]
  7. [Klausmann/Krefeld², S. 196]
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