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Erstellt von Julia am 19. Dezember 2016, um 11:26 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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==='''Kein Patzerl am ''Latzerl'''''===
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Klappt es mit dem selbstständigen Essen noch nicht ganz so gut, sieht dieser quer durch Tirol nicht mehr völlig sauber aus: der ''Latz''. Ihm zugrunde liegt das spätmittelhochdeutsche Wort ''laz'' für ‚Band, Fessel, Hosenlatz‘, das aber entweder aus dem altfranzösischen ''laz'' ‚Fessel, Schnürband‘ oder einer ähnlichen oberitalienischen Form entlehnt wurde. Die sprachliche Wurzel all dieser Formen liegt im lateinischen ''laqueus'' ‚Strick, Schlinge‘. Im Übrigen ist auch das deutsche ''Lasso'' hier einzuordnen.<ref>[Pfeifer, S. 770–771 und 768 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1842 | DWB, Bd. 12, Sp. 282 | Kluge, S. 559–560]</ref>
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Lässt ein Kind beim Essen Speisen fallen oder trinkt zu schwungvoll aus dem Glas, dann landen Tropfen und Speisereste in großen Teilen Tirols im besten Fall auf dem ''Trenz'', dem ''Trenzer'' oder dem ''Trenzerle'', den/das man den nun Trenzenden vorsorglich umgebunden hat. Nur im Außerfern, im Ötztal, im Bezirk Kufstein und in Osttirol schützt man seine Kleinsten anders. In ''trenzen'' steckt das mittelhochdeutsche Wort ''trêne'' ‚Träne, Tropfen‘ bzw. mittelhochdeutsch ''trahenen'', ''trehenen'' ‚weinen‘ – die Träne hingegen nannte man in Tirol ursprünglich ''Zähre''.<ref>[Lexer, Bd. 2, Sp. 1492]</ref>
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==='''Der ganze Dreck am ''Trenzhangerl'''''===
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Bindet man dem Kind im Alpbachtal, in der Wildschönau, im Brixental, in Thiersee, in Kirchdorf in Tirol und im Pillerseetal den ''Trenzhanger'' oder das ''Trenzhangerl'' um, ist das der Startschuss für ein köstliches Mahl. Der erste Wortteil geht wieder auf Träne bzw. Tropfen zurück, der zweite Wortteil leitet sich von althochdeutsch ''hangēn'' ‚hängen‘ ab.<ref>[Schatz, S. 277 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1168]</ref>
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==='''Ein ''Hangerl'' ums Wangerl'''===
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Damit nicht das Kind nicht von Kopf bis Fuß voll von Speisen ist, hängt man ihm in einigen Gemeinden des Alpbachtales, im Sölllandl, im Leukental und im Brixental in Nordtirol ein ''Hangerl'' oder ein ''Hangerle'' um. Diese Bezeichnungen haben, wie oben beschrieben, ihren Ursprung in althochdeutsch ''hangēn'' mit der Bedeutung ‚hängen‘.<ref>[Lexer, Bd. 1, Sp. 1168]</ref>
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Auf den/das ''Pafer''/''Paferle'' gepatzt wird im Paznaun, in Teilen des Oberen Gerichts, im Lechtal im südlichsten Osttirol. Abgeleitet wurde diese Bezeichnung mithilfe der Endung –''er'' vom dialektalen Verb ''påfen'' mit der Bedeutung ‚geifern, Speichel aus dem Mund fließen lassen‘,̨ man vergleiche damit italienisch ''bava'' ‚Speichel‘.<ref>[Schatz, S. 41 | Schöpf, S. 25–26]</ref>
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Im Tannheimertal ist man mit der Bezeichnung besonders spezifisch, denn dort trägt das Kind einen ''Paflatz'' um den Hals. Hier ist nicht eindeutig, ob es sich um eine spezielle Art von Latz handelt oder aber dies dort ein Oberbegriff für jedwede Sorte Latz ist. Hinter ''Latz'' steckt, wie oben ausführlich beschrieben, ein Wort für ‚Schnürband, Fessel‘, das mit einer Ableitung des mundartlichen Wortes ''påfen''‚ geifern, speicheln‘ kombiniert wird.<ref>[DWB, Bd. 12, Sp. 282 | Kluge, S. 559–560 | Schatz, S. 41 | Schöpf, S. 25–26]</ref>
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==='''Mit dem ''Trintschler''/''Trintscherle'' zu Tisch'''===
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Die Waschmaschine schont man im Virgen- und am Beginn des Defereggentals, indem man seinem Nachwuchs oder seinen Enkelkindern einen ''Trintschler'' oder ein ''Trintscherle'' umbindet. Das gleiche Bildungsprinzip wie bei ''Pafer'' liegt auch hier vor, wobei hier mit mundartlich ''trintscheln'' ein Grundwort mit annähernd gleicher Bedeutung wie bei ''påfen'' zugrunde liegt – hier wird lediglich noch ergänzt, dass auch unordentlich essen damit bezeichnet werden kann.<ref>[Schatz, S. 652]</ref>
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==='''Der/das ''Trintschelhanger''/''Trintschelhangerle'' als Schmutzschutz'''===
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Kind und Kleidung bleiben im Virgental, in Kals am Großglockner, in Schlaiten, in Dölsach und Nikolsdorf unbekleckert, wenn man ihnen vor dem Essen einen/ein ''Trintschelhanger'' bzw. ''Trintschelhangerle'' umbindet. Das erste Wort ist erneut die mundartliche Bezeichnung ''trintscheln'' für ‚geifern, speicheln‘, das zweite hängt wiederum mit althochdeutsch ''hangēn'' für ‚hängen‘ zusammen.<ref>[Schatz, S. 652 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1168]</ref>
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==='''Vollge''schlier''t'''===
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Im hinteren Ötztal schützt der ''Schlierer'' vor Flecken auf der Kleidung. Ähnlich wie beim ''Pafer''/''Paferle'' und ''Trenz''/''Trenz''/''Trenzerle'' geht auch diese Bezeichnung auf eine mundartliches Wort für ‚speicheln, geifern‘ zurück, nämlich auf ''schlieren''. Ebenso wie bei den anderen genannten Formen wurde mit der Endung –''er'' daraus ein Hauptwort gebildet.<ref>[Schatz, S. 532–533 | Schöpf, S. 623]</ref>
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==='''Trag doch ein ''Schürzel''/''Schürzle'''''===
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In Gschnitz und in Kals am Großglockner tragen kleine Kinder ein ''Schürzel'' oder ''Schürzle'' beim Essen. Der Ursprung beider Bezeichnungen liegt mit ''scurz'' ‚kurz‘ im Althochdeutschen.<ref>[Schatz, S. 558 | DWB, Bd. 15, Sp. 2055]</ref>
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<small>Karte/Kartentext: Julia Baumgartner</small>
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<small>'''Literatur'''</small>
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Aktuelle Version vom 27. Juni 2018, 08:43 Uhr

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Die Belege gelten nur für den Erhebungszeitraum.
(Nicht) dreckig von Kopf bis Fuß
Will man sein Kleinkind nach dem Essen nicht völlig neu einkleiden, hängt man diesem, vorausschauend wie man ist, einen Latz um. In Tirol bleiben Kinder (meistens) sauber, wenn man ihre Kleider durch einen/ein Pafer/Paferle, Trenz/Trenzer/Trenzerle, Hangerl/Hangerle, Schürzerl/Schürzle, Trenzhangerl, Schlierer, Paflatz/Paflatzle, Trintschelhanger/Trintschel-hangerle, Trintschler/Trintscherle und natürlich auch einen/ein Latz/Latzerl schützt.

Kein Patzerl am Latzerl

Klappt es mit dem selbstständigen Essen noch nicht ganz so gut, sieht dieser quer durch Tirol nicht mehr völlig sauber aus: der Latz. Ihm zugrunde liegt das spätmittelhochdeutsche Wort laz für ‚Band, Fessel, Hosenlatz‘, das aber entweder aus dem altfranzösischen laz ‚Fessel, Schnürband‘ oder einer ähnlichen oberitalienischen Form entlehnt wurde. Die sprachliche Wurzel all dieser Formen liegt im lateinischen laqueus ‚Strick, Schlinge‘. Im Übrigen ist auch das deutsche Lasso hier einzuordnen.[1]

Trenz dich nicht an

Lässt ein Kind beim Essen Speisen fallen oder trinkt zu schwungvoll aus dem Glas, dann landen Tropfen und Speisereste in großen Teilen Tirols im besten Fall auf dem Trenz, dem Trenzer oder dem Trenzerle, den/das man den nun Trenzenden vorsorglich umgebunden hat. Nur im Außerfern, im Ötztal, im Bezirk Kufstein und in Osttirol schützt man seine Kleinsten anders. In trenzen steckt das mittelhochdeutsche Wort trêne ‚Träne, Tropfen‘ bzw. mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. trahenen, trehenen ‚weinen‘ – die Träne hingegen nannte man in Tirol ursprünglich Zähre.[2]

Der ganze Dreck am Trenzhangerl

Bindet man dem Kind im Alpbachtal, in der Wildschönau, im Brixental, in Thiersee, in Kirchdorf in Tirol und im Pillerseetal den Trenzhanger oder das Trenzhangerl um, ist das der Startschuss für ein köstliches Mahl. Der erste Wortteil geht wieder auf Träne bzw. Tropfen zurück, der zweite Wortteil leitet sich von althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. hangēn ‚hängen‘ ab.[3]

Ein Hangerl ums Wangerl

Damit nicht das Kind nicht von Kopf bis Fuß voll von Speisen ist, hängt man ihm in einigen Gemeinden des Alpbachtales, im Sölllandl, im Leukental und im Brixental in Nordtirol ein Hangerl oder ein Hangerle um. Diese Bezeichnungen haben, wie oben beschrieben, ihren Ursprung in althochdeutsch hangēn mit der Bedeutung ‚hängen‘.[4]

Alles landet auf dem Pafer oder Paferle

Auf den/das Pafer/Paferle gepatzt wird im Paznaun, in Teilen des Oberen Gerichts, im Lechtal im südlichsten Osttirol. Abgeleitet wurde diese Bezeichnung mithilfe der Endung –er vom dialektalen Verb påfen mit der Bedeutung ‚geifern, Speichel aus dem Mund fließen lassen‘,̨ man vergleiche damit italienisch bava ‚Speichel‘.[5]

Ein Paflatz zum Schutz

Im Tannheimertal ist man mit der Bezeichnung besonders spezifisch, denn dort trägt das Kind einen Paflatz um den Hals. Hier ist nicht eindeutig, ob es sich um eine spezielle Art von Latz handelt oder aber dies dort ein Oberbegriff für jedwede Sorte Latz ist. Hinter Latz steckt, wie oben ausführlich beschrieben, ein Wort für ‚Schnürband, Fessel‘, das mit einer Ableitung des mundartlichen Wortes påfen‚ geifern, speicheln‘ kombiniert wird.[6]

Mit dem Trintschler/Trintscherle zu Tisch

Die Waschmaschine schont man im Virgen- und am Beginn des Defereggentals, indem man seinem Nachwuchs oder seinen Enkelkindern einen Trintschler oder ein Trintscherle umbindet. Das gleiche Bildungsprinzip wie bei Pafer liegt auch hier vor, wobei hier mit mundartlich trintscheln ein Grundwort mit annähernd gleicher Bedeutung wie bei påfen zugrunde liegt – hier wird lediglich noch ergänzt, dass auch unordentlich essen damit bezeichnet werden kann.[7]

Der/das Trintschelhanger/Trintschelhangerle als Schmutzschutz

Kind und Kleidung bleiben im Virgental, in Kals am Großglockner, in Schlaiten, in Dölsach und Nikolsdorf unbekleckert, wenn man ihnen vor dem Essen einen/ein Trintschelhanger bzw. Trintschelhangerle umbindet. Das erste Wort ist erneut die mundartliche Bezeichnung trintscheln für ‚geifern, speicheln‘, das zweite hängt wiederum mit althochdeutsch hangēn für ‚hängen‘ zusammen.[8]

Vollgeschliert

Im hinteren Ötztal schützt der Schlierer vor Flecken auf der Kleidung. Ähnlich wie beim Pafer/Paferle und Trenz/Trenz/Trenzerle geht auch diese Bezeichnung auf eine mundartliches Wort für ‚speicheln, geifern‘ zurück, nämlich auf schlieren. Ebenso wie bei den anderen genannten Formen wurde mit der Endung –er daraus ein Hauptwort gebildet.[9]

Trag doch ein Schürzel/Schürzle

In Gschnitz und in Kals am Großglockner tragen kleine Kinder ein Schürzel oder Schürzle beim Essen. Der Ursprung beider Bezeichnungen liegt mit scurz ‚kurz‘ im Althochdeutschen.[10]

Karte/Kartentext: Julia Baumgartner

Literatur
  1. [PfeiferPfeifer, Wolfgang (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchges. Ausg.; 8. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl., S. 770–771 und 768 | LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 1, Sp. 1842 | DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 12, Sp. 282 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 559–560]
  2. [Lexer, Bd. 2, Sp. 1492]
  3. [SchatzSchatz, Josef (1993) (1955–1956): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Für den Druck vorbereitet von Karl Finsterwalder. Unveränderter Nachdruck der Ausgaben von 1955 und 1956. 2 Bde. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner (= Schlern-Schriften 119–120)., S. 277 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1168]
  4. [Lexer, Bd. 1, Sp. 1168]
  5. [Schatz, S. 41 | SchöpfSchöpf, Johann Baptist (1866): Tirolisches Idiotikon. Wagner'sche Universitätsbuchhandlung: Innsbruck., S. 25–26]
  6. [DWB, Bd. 12, Sp. 282 | Kluge, S. 559–560 | Schatz, S. 41 | Schöpf, S. 25–26]
  7. [Schatz, S. 652]
  8. [Schatz, S. 652 | Lexer, Bd. 1, Sp. 1168]
  9. [Schatz, S. 532–533 | Schöpf, S. 623]
  10. [Schatz, S. 558 | DWB, Bd. 15, Sp. 2055]
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Diese Seite wurde zuletzt am 27. Juni 2018 um 08:43 Uhr geändert.Diese Seite wurde bisher 344-mal abgerufen.