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Erstellt von Julia am 27. Juni 2018, um 11:35 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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Wenn der Himmel trüb wird
Jeder kennt diese Art von Wetter. Eigentlich ist es schön, doch die Sicht ist schlecht. Es ist trüb, dunstig und feine Wolken ziehen über den Himmel. Diese Art von Wetter im Standarddeutschen zu umschreiben, ist nicht einfach. In Tirol funktioniert das besser, da hier die Tiroler Dialekte zahlreiche Begriffe zur Verfügung stellen, die genau dieses Wetterphänomen bezeichnen. Auch hier variieren die Bedeutungen der verwendeten Begriffe mitunter aber stark.

Das Geheie und die trockene Hitze

Falls so mancher die von ihm verwendete Wortform hier nicht erkennen kann, so liegt dies daran, dass die in der Überschrift genannte Wortgestalt gewissermaßen eine StandardisierungDamit sind Tendenzen der Vereinheitlichung gemeint. So war die Herausbildung der heutigen deutschen Standardsprache eine Prozess der Standardisierung, bei dem eine gewisse Sprachform verallgemeinert und zum Standard erhoben wurde. darstellt, die alle vom selben Wort abstammenden Formen zusammenfasst. Das genannte Phänomen nennt man etwa im Großteil Tirols Kchåi. Im Paznaun, im Stanzertal sowie im Tiroler Mittelland spricht man dagegen von Kchai – das a ist hier nicht verdumpft. Die angesetzte Standardform – die zugegebenermaßen von all diesen Bezeichnungen recht stark abweicht – ergibt sich dadurch, dass das Ursprungswort althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. gihei und mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. gehei, geheie lautete. Diese Bildung ist dabei ein Kollektivum zu einem Eigenschaftswortauch ''Adjektiv''. ''Adjektiv'' und ''Eigenschaftswort'' sind Bezeichnungen für eine Wortart, die die Beschaffenheit und Eigenschaft eines Gegenstands oder Vorgangs bestimmt, z.B. '''''schönes''''', '''''großes''''', '''''altes''''', '''''hölzernes''' Haus''. hei, das ursprünglich ‚trocken, dürr‘ bedeutete. Als Hauptwort bedeutet Geheie nunmehr ‚heißes Sommerwetter, Dürre, Dampf‘. Wie es also zu den vielen Bedeutungen in den Tiroler Mundarten – u.a. ‚Höhennebel, Dampf, Dunst, Rauch‘ – kam, scheint verständlich, vor allem wenn man bedenkt, dass dialektal auch die Variante Kchåidampf vorkommt. Auch Begriffe wie Håålraach – etwa in Osttirol – und Hoolnebel – so belegt im Stanzertal und im Paznaun – dürften das ursprüngliche Eigenschaftswort hai in abgewandelter Form als Erstglied beinhalten, wobei die genauen lautlichen Veränderungen unklar sind. Dies betrifft nicht zuletzt auch den lautlichen Weg von Geheie zu Kchåi bzw. Kchai, da hier eigentlich *Sternchen (Asterisk); bezeichnet eine Form, die sprachgeschichtlich nicht schriftlich belegt, sondern nur erschlossen istKchåa zu erwarten wäre.[1] So verlockend dies lautlich und auch von der Bedeutung her wäre: Ein Zusammenhang mit Heu lässt sich nicht herstellen. Dieses steht nämlich ursprünglich mit hauen in Verbindung, gemeint ist also das ‚gehauene Gras‘.

Wenn der Dunst über Tirol liegt

Vor allem im Oberinntal und dessen Seitentälern sowie im Wipptal und dessen Seitentälern bezeichnet man die eingangs geschilderte Wetterlage als dinstig. Hier her zu stellen ist auch die Variante dunstig, die vor allem in Osttirol, im Außerfern und vereinzelt im Unterland sowie im Zillertal vorkommt. Beide Formen sind Ableitungen zum Hauptwort Dunst, das bereits im Mittelhochdeutschen so lautete. Auch die Bedeutung hat sich nicht wirklich geändert, wobei früher wohl ein Zusammenhang mit der Bedeutung ‚Staub‘ bestanden hat.[2]

Von Tiroler Seemännern und Nordseewetter

Mehrere Nennungen entfallen zudem auf den Begriff diesig, dies vor allem in Osttirol und im Unterland. Dass es dieser Begriff nach Tirol geschafft hat, ist einigermaßen erstaunlich. Es handelt sich um einen Begriff aus der niederdeutschen Seemannssprache, so lautet er etwa im Niederdeutschen disig und im Niederländischen dialektal dijzig. Die Hauptwörter, von denen diese Eigenschaftswörter abgeleitet sind, bedeuten ebenfalls ‚Dunst, Nebelwetter‘, womit die Bedeutung klar den bisher besprochenen Begriffen entspricht.[3]

Keine Kühle in der Schwüle

Dieser Begriff ist vor allem um Imst und in Einzelnennungen – z.B. bei Landeck – verbreitet. Der Ausgang dürfte wohl in althochdeutsch erswelan ‚warm werden‘ liegen. Wieder liegt also ein Begriff mit der ursprünglichen Bedeutung ‚heiß‘ vor. Die Zusammenhänge mit Dampf und Dunst scheinen offenbar nahe gelegen zu sein.[4]

Auch das Wetter kann zäh sein

Gerade einmal zwei Nennungen – in Fieberbrunn und in Aschau im Zillertal – weist dieser Begriff auf. Es geht auf zäh zurück, das im ganzen oberdeutschen Sprachgebiet auch als zach verbreitet ist. Bereits im Mittelhochdeutschen existieren zâch und zæhe nebeneinander. Während die erstgenannte Form sich nur dialektal halten konnte, wurde die zweitgenannte zum Standard erhoben. Obwohl zach bereits ein Eigenschaftswort ist, wurde zur Verdeutlichung bzw. zur Unterscheidung von zach die Endung -ig angefügt. So wie verschiedene Dinge – etwa Flüssigkeiten, Fleisch aber auch Menschen (dann als Eigenschaft) – zäh sein können, so wurde dies offensichtlich auch für das zu beschreibende Wetterphänomen gesehen und damit wohl die dunstige, heiße Luft und die feinen Wolken am Himmel als zäh wahrgenommen.[5]

Wenn der Himmel rußig wird

Vor allem im Pitztal und um Imst wird die Bezeichnung Raam in den Forman råmlig und veråmelt verwendet. Hier kann ein Zusammenhang mit dem Dialektwort Råm für ‚Ruß, Schmutz, Dreck‘ hergestellt werden. Dieses geht auf althochdeutsch rām, mittelhochdeutsch râm, rân zurück und lässt sich außergermanisch auch mit Wörtern vergleichen, die ‚dunkel‘ oder ‚grau‘ bedeuten. Der Zusammenhang von ‚Dreck‘ mit ‚trübem Wetter‘ scheint dabei naheliegend und eine derartige Entwicklung sehr wahrscheinlich, kommt der Begriff schließlich auch in den Bedeutungen ‚Dunstschleier, neblig, längliche am Himmel hinziehende Wolke‘ vor. Möglich scheint zudem ein Zusammenhang mit standarddeutsch Rahm, in dem Fall in der Bedeutung ‚milchig‘.[6]

Auch Dunst kann schaumig sein

Der Begriff Gfaam wird bereits in der Nebelkarte unter Feim erklärt. Er wurde für das zu bezeichnende Wetterphänomen ebenfalls mehrfach genannt. Dies vor allem im Paznaun, aber auch in Reith bei Seefeld.

Gehilwe – ein Wolkengebilde

Ein Begriff, der hauptsächlich im südlichen Osttirol sowie vereinzelt im Unterland verbreitet ist, lautet in verschiedenen Aussprachevarianten Kchilwe, Kchuim und Kchüüb. Bei den letzten beiden Varianten trat dabei die für das Unterland so typische l-Vokalisierungallgemein; l- und r-Vokalisierung fallen auch drunter ein. Die mittelhochdeutsche Ausgangsform, auf die sich die genannten Aussprachevarianten zurückführen lassen, lautet Gehilwe und bedeutete ursprünglich ‚Gewölk‘. Dabei handelt es sich um eine KollektivbildungAbleitung von einem Hauptwort zur Bezeichnung einer Gruppe von Einzeldingen. Dabei wird meist die Vorsilbe ''Ge-'' oder die Nachsilbe ''-ach'' verwendet, z.B. ''Berge'' - '''''Ge'''birge'', ''Wasser'' - '''''Ge'''wässer'', Stein - '''''Ge'''stein'', ''Stein'' - ''Stein'''ach''''' usw. zu mittelhochdeutsch hilwe, was ‚feiner Nebel‘ bedeutete. Die heutige Bedeutung in den Mundarten reflektiert dabei beide Ursprungsbedeutungen noch sehr gut.[7]

Karte/Kartentext: Julian Blassnigg

Literatur
  1. [LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 1, Sp. 786 | SchöpfSchöpf, Johann Baptist (1866): Tirolisches Idiotikon. Wagner'sche Universitätsbuchhandlung: Innsbruck., S. 232 | DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 10, Sp. 793]
  2. [KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 221–222 | DWB, Bd. 2, Sp. 1559 | Lexer, Bd. 1, Sp. 477]
  3. [Kluge, S. 200]
  4. [Kluge, S. 836 | DWB, Bd. 15, Sp. 2748]
  5. [Kluge, S. 1002 | DWB, Bd. 31, Sp. 9]
  6. [Kluge, S. 741 | DWB, Bd. 14, Sp. 62 | Lexer, Bd. 2, Sp. 336 | SchatzSchatz, Josef (1993) (1955–1956): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Für den Druck vorbereitet von Karl Finsterwalder. Unveränderter Nachdruck der Ausgaben von 1955 und 1956. 2 Bde. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner (= Schlern-Schriften 119–120)., S. 469 | Schöpf, S. 530–531]
  7. [Lexer, Bd. 1, Sp. 1244 und Bd. 1, Sp. 790]
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