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Erstellt von Yvonne am 2. Oktober 2017, um 14:02 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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Bedeutung Hemd
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Mach dir nicht ins Hemmet
Tirol ist zweigeteilt. Dies ist nicht im politischen Sinne zu verstehen, sondern sprachlich. Wenn von männlicher Oberbekleidung mit Kragen, die mit Knöpfen geschlossen wird, die Rede ist, scheiden sich in etwa beim Ötztal die Geister. Während westlich des Ötztals nur noch von Hemmet gesprochen wird, ist im und östlich des Ötztals die Pfoat dominant. Dass es noch dazu im Ötztal die Hemmetpfoat gibt, unterstreicht die Rolle des Ötztals als Grenzgebiet zwischen diesen beiden Bereichen.

Dominant im ganzen Unterland – die Pfoat

Im gesamten Unterland, in Osttirol, im Wipp-, Stubai- und Ötztal sowie teilweise auch noch im Inntal zwischen Innsbruck und Imst ist die Pfoat das Kleidungsstück der Wahl. Der Kernraum der Pfoat ist aber sicherlich das Unterland, wo sie ohne Konkurrenz getragen wird (die auf der Karte zu sehenden Hemd-Formen sind nur als Einflüsse aus dem Standarddeutschen zu verstehen). In Osttirol und westlich von Innsbruck muss sich die Pfoat ihren Raum mit dem zweisilbigen Konkurrenten Hemmet teilen. Ihren sprachlichen Ursprung hat die Pfoat in den germanischen Sprachen. Bereits im Gotischen ist sie als paida belegt. Das bedeutet zunächst so viel wie ‚Leibrock‘, d.h. das am Körper getragene Unterkleid. Am ehesten vergleichbar wäre wohl Omas altes Nachthemd. Im Althochdeutschen ist die Pfoat dann als pheit belegt.[1] Das ph wird dabei wie pf ausgesprochen. Was ist also passiert? Warum wurde aus p plötzlich pf? Dies ist ein Phänomen, das sich hochdeutsche LautverschiebungIst ein Wandel, bei dem die Konsonanten ''p'', ''t'' und ''k'' zu ''f'' oder ''pf'', ''s'' oder ''z'' und ''ch'' verändert wurden. ''Hochdeutsch'' hat in diesem Sinne also nichts mit der umgangssprachlichen Bezeichnung zu tun, die auf die Standardsprache verweist, sondern bezeichnet jene Dialekte, die diesen Lautwandel durchgeführt haben. Die niederdeutschen Dialekte im Norden des deutschen Sprachraumes haben diesen Wandel nicht mitgemacht. Hier sagt man noch heute ''Appel'' anstatt ''Apfel'', ''maken'' anstatt ''machen'' und ''dat'' anstatt ''das''. Die Grenze zwischen den hochdeutschen und niederdeutschen Dialekten verläuft von West nach Ost und trennt das nördlichste Drittel Deutschlands vom restlichen deutschen Sprachgebiet. Auch andere germanische Sprachen wie etwa das Englische haben diesen Wandel nicht durchgeführt, z.B. englisch ''ship'' und deutsch ''Schiff'', englisch ''pepper'' und deutsch ''Pfeffer'', englisch ''make'' und deutsch ''machen'', englisch ''water'' und deutsch ''Wasser''. nennt und vor allem im süddeutschen Sprachraum durchgeführt wurde.

Über „Ausfälle“ zum Endprodukt

Im Oberland westlich des Ötztales, im Außerfern, vereinzelt in Osttirol und vereinzelt auch zwischen Innsbruck und Imst kommt die zweisilbige Form Hemmet vor. Dieses stammt – wie auch das standarddeutsche Hemd – von althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. hemidi ab. Im Mittelhochdeutschen hieß es noch hemede. Das e am Wortende fiel schließlich ab, wodurch Hemmet entstand. Bereits im Mittelhochdeutschen gab es daneben aber auch noch die Form hemde, wo also das e in der Wortmitte ausgefallen ist. Diese Form liegt auch dem heutigen standarddeutschen Hemd zugrunde. All diese Formen gehen auf westgermanischEine Untergruppe der germanischen Sprachen (siehe ''germanisch''), zu der etwa das Deutsche, das Englische und Niederländische gehören. *Sternchen (Asterisk); bezeichnet eine Form, die sprachgeschichtlich nicht schriftlich belegt, sondern nur erschlossen isthamōn zurück und bedeuteten ursprünglich ‚Hülle, Kleidung, Leib‘. In Osttirol kommt vereinzelt – so etwa in Schlaiten, Virgen und St. Jakob in Defereggen – auch noch eine Form mit Zwielautauch''Diphthong''. Zwei aufeinanderfolgende unterschiedliche Vokale, die als Einheit erfasst und nicht getrennt werden können. Im Deutschen treten folgende Diphthonge auf, die auch unter der Bezeichnung Zwielaute bekannt sind: ''ei''/''ai''/''ay''/''ey'', ''au'', ''äu''/''eu'', ''ui''. vor. Hier heißt es Haimit oder Heimet. Auch diese Formen lassen sich auf althochdeutsch hemidi zurückführen.[2]

StandarddeutschNeutrale Bezeichnung für die überregional gebrauchte mündliche und schriftliche Form des Deutschen, die normiert und vereinheitlicht ist sowie als offizielles Mittel der öffentlichen Kommunikation genutzt wird. Sie wird zudem über das Bildungssystem vermittelt. Standarddeutsch ist dabei bedeutungsgleich mit dem umgangssprachlich verwendeten Begriff ''Hochdeutsch''. Dieser Begriff wird hier vermieden, da er in der Sprachwissenschaft eine ganz andere Bedeutung hat. oder Mundart?

In einigen Orten im Unterland – vor allem zwischen Jenbach und Kirchbichl – wurden von den Befragten sowohl Hemd als auch Pfoat als Bezeichnungen genannt. Es muss davon ausgegangen werden, dass hier die Pfoat bereits etwas in den Hintergrund gerät und das standarddeutsche Wort an Boden gewinnt. Noch ist die Pfoat aber überall bekannt und wird auch noch verwendet, was sich eben durch die Mehrfachnennungen zeigt. Solche Doppelnennungen kommen auch in einigen Orten im Großraum Innsbruck vor, was die Vermutung des Einflusses der StandardspracheBezeichnung für eine Sprache, die überregionale Gültigkeit besitzt, in vielen Kontexten sozialer Interaktion akzeptiert und erwünscht ist und mittels eines Regelwerks normiert ist. Im deutschen Sprachraum wird sie gemeinhin auch mit Hochdeutsch oder im wissenschaftlichen Kontext mit Standarddeutsch gleichgesetzt. zusätzlich erhärtet.

Karte/Kartentext: Julian Blassnigg

Literatur
  1. [DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 13, Sp. 1640]
  2. [DWB, Bd. 10, Sp. 980 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 406 | SchatzSchatz, Josef (1993) (1955–1956): Wörterbuch der Tiroler Mundarten. Für den Druck vorbereitet von Karl Finsterwalder. Unveränderter Nachdruck der Ausgaben von 1955 und 1956. 2 Bde. Innsbruck: Universitätsverlag Wagner (= Schlern-Schriften 119–120)., S. 288]
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