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Erstellt von C608379 am 6. Mai 2019, um 10:51 Uhr

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Bedeutung Türklinke
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Die Belege gelten nur für den Erhebungszeitraum.
Egal wie's klinkt, schnallt oder fällt: Tür auf und hereinspaziert!
So einfach zwischen Tür und Angel sollte man sich nicht über die verschiedenen Tiroler Dialektvarianten der Türklinke unterhalten – ihr Mechanismus ist simpel, aber sprachlich gesehen bieten die zahlreichen Varianten Anlass zum Nachforschen … Ob Schnalle, Felle, Schlitze, Klinke oder Griff: Anklopfen lohnt sich!

Bei den meisten Tiroler_innen schnallt’s wohl …

… wenn sie eine Tür öffnen, denn unter allen Belegen ist das Stichwort Schnalle eindeutig das häufigste. Im gesamten Gebiet ist die Schnalle ein geläufiger Ausdruck, die dialektalen Unterschiede liegen hier im Detail – oder im AuslautJener Laut, der am Ende eines Wortes oder einer Silbe steht, wird Auslaut genannt. Wie beim Anlaut gibt es in der Schriftsprache kein 1:1-Verhältnis von Laut und Buchstabe (siehe ''Anlaut''). Beim Wort ''Fro'''sch''''' steht der Laut ''sch'' im Auslaut, bei ''Bien'''e''''' hingegen der Selbstlaut ''e''., genauer gesagt: Während sich im Oberland und in Innsbruck Land Varianten wie Schnålle, Schnålla und Schnålln finden, öffnet im Unterland die Schnåll oder Schnoi Türen und Tore. Nahe der Landeshauptstadt findet sich außerdem eine seltenere Variante mit dem Konsonanten n im Auslaut – und zwar die Schnålln. Eine großflächigere Ausnahme gibt es im Bezirk Reutte, hier finden sich Varianten mit tontragendem a. Es wird dort nicht zu å verdumpft, wie das sonst im Bairischen der Fall ist, denn hier im Außerfern ist der Einfluss des Alemannischen aus dem Norden und Westen schon zu groß.

Wirft man einen Blick zurück in die Geschichte dieses Wortes, stellt sich heraus, dass schon seit dem 14. Jahrhundert das mittelhochdeutsche Wort snal eine rasche Bewegung, etwa das Zuklappen einer Falle, und das dabei entstehende Geräusch bezeichnet. Daraus leitet sich dann die snalle ab, die einen Mechanismus mit einer solchen zuklappenden Bewegung bezeichnet wie beispielsweise eine Schuhschnalle oder eben eine Türschnalle.[1] Allerdings konnte das Wort im Mittelhochdeutschen noch anders verwendet werden, und zwar umgangssprachig abwertend als Bezeichnung für eine ältere, geschwätzige Frau. Nicht sonderlich charmant, aber ziemlich passend – nicht? Beide Bedeutungen gehören vermutlich als Ablautbildung zu dem Adjektivauch ''Eigenschaftswort''. ''Adjektiv'' und ''Eigenschaftswort'' sind Bezeichnungen für eine Wortart, die die Beschaffenheit und Eigenschaft eines Gegenstands oder Vorgangs bestimmt, z.B. schönes, großes, altes, hölzernes Haus''. schnell.[2]

Auch die Klinke erinnert an die Akustik

Das Wort klinke stammt aus dem mitteldeutschen Raum und wurde bereits im Mittelhochdeutschen im heutigen Sinne für die Türklinke oder den Türriegel verwendet, aber auch für einen ‚Schlagbaum‘, eine ‚senkrecht aufrichtbare Schranke, die oft an Grenzübergängen eingesetzt wurde‘. Auch dieses Wort erinnert wohl an ein früheres akustisches Phänomen, denn vermutlich wurde es nach dem Geräusch eines solchen Fallriegels zu klinken gebildet, und das ist eine Nebenform des Verbs klingen.[3] In Tirol klinkt oder klingt es jedoch nur sehr vereinzelt im Bezirk Lienz.

Die Falle (er)tappen

Im Wipptal, Stubaital und im hintersten Zillertal sowie in Virgen in Osttirol ist die Felle bzw. im Gschnitz die Fålle zuhause. Diese geht wahrscheinlich auf das mittelhochdeutsche Wort valle zurück, das damals schon das bezeichnete, womit man Tiere fangen konnte bzw. dann auch übertragen einen Hinterhalt. Die – nicht allzu häufige – Bedeutung ‚Riegel am Türschloss‘ hat sich aber ebenso im Laufe der Sprachgeschichte herausgebildet. Wenn man sich vor Augen führt, wie einstige Türschlösser funktionierten (die Klinke und der Riegel waren aus einem Teil gefertigt, die eben auf Druck nachgaben und dann wieder nach unten „fielen“), dann ist klar, wie sich diese Bedeutung entwickeln konnte: Die Falle ist also der Teil an der Tür, der hinunterfällt bzw. einst hinunterfiel. Dass man heute in Teilen Tirols (und übrigens auch in der Schweiz[4]) nur noch die Türklinke damit meint, ist einer Bedeutungsverengung zuzuschreiben.

Die Schlitze sorgt für Verwechslungsgefahr

Apropos Falle: Eine im Bezirk Lienz vertretene Variante könnte leicht in die Irre führen, wenn man ihren wortgeschichtlichen Hintergrund erforscht: Der Türschlitz ist im heutigen Sprachgebrauch bekannt, jedoch bezeichnet man damit einen länglichen, schmalen Spalt zwischen Tür und Boden bzw. Rahmen. Wie wurde im Dialekt aus dem Türschlitz wohl die Türschlitze? Oder haben die beiden Wörter trotz ihrer Ähnlichkeit vielleicht gar nichts miteinander zu tun? Ja, genau so ist es wohl! Die Schlitze leitet sich wahrscheinlich vom mittelhochdeutschen slützen ab, was wiederum eine Nebenform zu slieʒen ‚schließen‘ ist (ähnliche Lautverhältnisse findet man etwa auch bei Schütze und schießen)[5]. Die Schlitze ist also das, was etwas schließt. Dass wir heute eine Form mit -i- vorfinden, hat wohl zusätzlich auch damit zu tun, dass der Türrahmen ja durch die Schlitze durchbrochen wurde, quasi „aufgeschlitzt“ wurde. Tatsächlich aber hat das Wort – wie ausgeführt – mit schließen zu tun.

Alles im Griff

Selten und breit verstreut finden sich zu guter Letzt die drei Belege zum Stichwort Griff – und zwar in St. Anton am Arlberg, Thiersee und in St. Jakob in Defereggen. Die sprachliche Herkunft dieser Variante ist leicht nachvollziehbar: Der Griff ist ein Substantiv zum mittelhochdeutschen Verb grîfen mit der Grundbedeutung ‚greifen‘. Zunächst wurde der Ausdruck für die einfache Tätigkeit des Greifens verwendet, ab dem 16. Jahrhundert kam eine weitere Bedeutung dazu, die den Griff auch als Handwerk verstand – noch heute spricht man von einem „Kunstgriff“ oder einem „gelernten Griff“. Erst im 17. Jahrhundert wurde mit Griff auch das, woran man etwas ergreift, bezeichnet – wie eben den Türgriff.[6]

Fest steht nun auf jeden Fall, dass der Klinke im Tiroler Dialekt sprachlich gesehen viele Türen offenstehen. Auf der Karte wurden übrigens die Varianten mit Tür- nicht eigens abgebildet, obwohl diese natürlich auch vorkommen. Deren Verbreitung ergibt aber kein geographisches Muster.

Karte/Kartentext: Johanna Bernhart/Yvonne Kathrein

Literatur
  1. [KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 817]
  2. [PfeiferPfeifer, Wolfgang (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchges. Ausg.; 8. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl., S. 1227]
  3. [MackensenMackensen, Lutz (2013): Ursprung der Wörter. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Vollst. überarb. Neuausg. München: Bassermann., S. 219; Pfeifer, S. 497]
  4. [Idiotikon(1881–) Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache., Bd. 1, Sp. 747]
  5. [Idiotikon, Bd. 9, Sp. 819]
  6. [DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 9, Sp. 299f.]
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