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Erstellt von Julia am 12. April 2018, um 14:47 Uhr

Aus Tiroler Dialektarchiv

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Bedeutung Flügel
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Dass ein Vogel Flügel hat, scheint eine unleugbare Tatsache – auch wir wollen das nicht bestreiten, doch gibt es in Tirols Dialekten mehr als ein Wort, das für diese Gliedmaßen stehen kann. So finden wir auch Flüge, Flittich, Flitsche oder Flatter.

Mit den Flügeln schlagen

Ganz klassisch bezeichnet man im Großteil Tirols die mit Federn versehenen Vordergliedmaßen, die den meisten Vögeln die Fähigkeit zu fliegen verleihen, als Flügel. Flügel geht auf mittelhochdeutschEine Vorstufe der heutigen deutschen Sprache, die in etwa zwischen 1050 und 1350 gesprochen wurde. Mittelhochdeutsch steht also zwischen dem älteren Althochdeutschen und dem heute gesprochenen Neuhochdeutschen. vlügel zurück, was letztlich eine Umbildung zu fliegen darstellt. Im gleichen Verhältnis stehen auch Schlüssel und schließen und Zügel und ziehen zueinander. Während es im Außerfern und im Bezirk Landeck nur diese Form gibt, treten in den übrigen Tiroler Bezirken gleich mehrere verschiedene Bezeichnungen auf, wenn auch Flügel allerorts das dominante Wort ist. Nur in Osttirol muss es seinen ersten Platz an die Flatter abtreten.[1]

Die Flüge stutzen

Hat man dem Vogel die Flüge gestutzt, war es das wohl mit dem Fliegen. Hier ist uns bei der Bezeichnung kein Schreibfehler unterlaufen, denn es gibt im Dialekt tatsächlich Formen, die kein l im Auslaut aufweisen. Während man diese Form im heutigen Deutsch nicht mehr findet, gab es in mittelhochdeutscher Zeit die Nebenform vlüge zu vlügel. In den Dialekten hat sich diese Bezeichnung mitsamt weiblichem Geschlecht, soweit man es aus den Originalbelegen ablesen kann, im gesamten Ötztal, im Stubai- und Wipptal und im Zillertal konsequent gehalten. Vereinzelt treten aber auch Nennungen im Inntal auf. Dazu entfällt im Unterland der Vokal am Ende des Wortes, wo der Plural des Wortes die Fliig lautet.[2]

Unter die Flittiche nehmen

Im Defereggen besitzt ein Vogel nicht zwei Flügel, sondern zwei Flittiche. Das diesem ähnliche Wort Fittich ist zu Feder zu stellen, von dem es sich in gewisser Weise ableitet. Die genaue lautliche Entwicklung bleibt jedoch im Unklaren. Man sieht es als Variante von althochdeutschDie älteste, schriftlich nachweisbare Vorstufe der heutigen deutschen Sprache. Die althochdeutsche Zeit reicht vom Beginn der schriftlichen Überlieferung (6./7. Jahrhundert n.Chr.) bis Mitte/Ende des 11. Jahrhunderts n.Chr. federah bzw. fëdah, das zu fëtach umgestaltet wurde. Im Mittelhochdeutschen existierten zahlreiche Formen nebeneinander – darunter auch vëtach und vlëtach. Während die Bezeichnung zu Beginn des Neuhochdeutschen noch Fettich lautete, setzte sich durch den Reformator Martin Luther das heute bekannte Fittich durch. Für das Defereggen besonders ist das l in Flittich, das sich auf eine Nebenform des Mittelhochdeutschen bezieht. Das l in der ersten Silbe könnte durch die Kreuzung mit vlügel in das Wort gekommen sein.[3]

Sich mit den Flitschen in die Lüfte erheben

Von des Vogels Flitschen spricht man nur in drei Tiroler Gemeinden, nämlich in Reith bei Seefeld, in Oberhofen im Inntal und in Nikolsdorf, auch wenn sie in letzterem Ort die Fluᵃtschen heißen. Querverweise in verschiedenen Wörterbüchern legen nahe, dass Flitsche mit Flittich und Fittich sprachlich verflochten sein muss. Wie eine solche Verbindung jedoch aussieht, bleibt unklar.[4]

Die Flatter ausbreiten

Im südlichen Teil Osttirols und in auch Virgen nennt man eines der typischen Vogelmerkmale die Flatter. Für dieses Wort gibt es weder im Althochdeutschen noch im Mittelhochdeutschen eine Entsprechung, in den übrigen germanischen Sprachen ist es jedoch vielfach belegt. Die Flatter steht in enger Beziehung mit dem Verb flattern, dessen Herkunft nicht vollständig geklärt ist. Sowohl lautmalerische Akzente, bei der das Geräusch der auf- und abschlagenden Flügel ausschlaggebend ist, werden darin vermutet als auch eine alte Wortwurzel, deren Bedeutung um ‚gießen, fließen, fliegen, schwimmen‘ kreiste.[5]

Karte/Kartentext: Julia Baumgartner

Literatur
  1. [DWBGrimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1854–1961): Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16. Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 3, Sp. 1839 | KlugeKluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Kluge. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter., S. 812 und S. 1018]
  2. [LexerLexer, Matthias (1872–1878): Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig: S. Hirzel., Bd. 3, Sp. 418]
  3. [Lexer, Bd. 3, Sp. 400 und Sp. 331 | DWB, Bd. 3, Sp. 1693 | Kluge, S. 296]
  4. [SHWHessische Historische Kommission Darmstadt (1965-2010): Südhessisches Wörterbuch. Begründet von Friedrich Maurer. Nach den Vorarbeiten von Friedrich Maurer, Friedrich Stroh und Rudolf Mulch bearbeitet von Rudolf Mulch (Bände 1–4) und Roland Mulch (Bände 3–6). Marburg: N. G. Elwert-Verlag., Bd. 2, Sp. 807 | DWB, Bd. 3, Sp. 1804]
  5. [DWB, Bd. 3, Sp. 1731 | PfeiferPfeifer, Wolfgang (2005): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Ungekürzte, durchges. Ausg.; 8. Aufl. München: Dt. Taschenbuch-Verl., S. 351]
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